1. Selbstmord-im-TV-Aufmacher (seit 16 Jahren)

Was für eine Schlagzeile, mit der „Bild“ am Donnerstag aufmachte:

1. Selbstmord im TV!

Der private Fernsehsender Sky Real Lives hatte am Mittwochabend unter dem Titel „Right to Die?“ den Dokumentarfilm „The Suicide Tourist“ des Oscar-Preisträgers John Zaritsky gezeigt, in dem zu sehen ist, wie sich der unheilbar kranke Universitätsprofessor Craig Ewert das Leben nimmt.

„Bild“ schreibt dazu:

Sterbehilfe vor einem Millionenpublikum: Erstmals wurde gestern im britischen TV der Selbstmord des schwer kranken Professors Craig Ewert gezeigt.

Und im „Bild“-Artikel zur Schlagzeile hieß es:

Craigs Reise ist Selbstmord. Der erste Suizid, der gestern zur besten Sendezeit (21 Uhr) im britischen TV gezeigt wurde.

„taz vom 7.8.1992:

„Ein Mann liegt nackt in der Badewanne, prüft die Wassertemperatur, blickt in die Videokamera und erklärt dem Millionen-Publikum, daß er soeben ein tödliches Medikament eingenommen habe und jetzt auf ‚die Erlösung‘ warte. Schnitt. Zehn Minuten später krümmt sich derselbe Mann röchelnd und würgend im Wasser, der Körper wehrt sich mit aller Macht gegen den Tod. Die Kamera und das Sat.1-Publikum sind noch immer dabei und verfolgen diesen Selbstmord – live. Dann wird das Videoband angehalten. Mehr wolle man dem Publikum nicht mehr zumuten, gaukelt der Sender mitfühlende Fürsorge für die Zuschauer vor. Nur der Ton läuft weiter und transportiert noch letzte Röchler in die Wohnzimmer. (…) Der Selbstmord – vom Opfer per Videokamera selbst gefilmt – gehörte zu einem Beitrag über die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS). (…)“

Diese Sätze sind – wörtlich genommen – nicht falsch. Es war wirklich der erste Selbstmord, der im britischen TV gezeigt wurde. Aber Szenen von Craig Ewerts Selbstmord waren bereits vor sieben Wochen im schweizerischen Fernsehen gelaufen – deutsch synchronisiert, mehrfach wiederholt und seither auch online. (Die „Berner Zeitung“ z.B. berichtete darüber im Zusammenhang mit der britischen Ausstrahlung bereits vorgestern – also noch bevor man bei „Bild“ an der Schlagzeile bastelte –, und auch hierzulande wies ein Kommentator im Online-Portal der Springer-Zeitung „Die Welt“ auf die schweizerische Ausstrahlung hin.)

Doch selbst die Ausstrahlung im Schweizer Fernsehen war nicht der „1. Selbstmord im TV“. Am 5. August 1992 etwa hatte das Sat.1-Magazin „Akut“ unter dem Titel „Sterbehilfe – das Geschäft mit dem Tod“ den Selbstmord von Christian Sch. gezeigt (siehe Kasten).

Und eigentlich weiß „Bild“ das auch. Am Tag der Ausstrahlung veröffentlichte das Blatt damals den folgenden…

…Programmhinweis:

Heute 22 Uhr: Selbstmord im TV

Mit Dank an Nicky S. und Jonas I. für die Hinweise.