So schnell wird man zum Kinderschänder

Stellen Sie sich vor, Sie fahren morgens mit Ihrem Auto durch die Stadt. Plötzlich läuft ein kleines Mädchen auf die Straße, weil es abgelenkt ist und nicht auf die Straße schaut. Sie schaffen es noch rechtzeitig zu bremsen und ermahnen das Mädchen, es solle doch besser auf den Verkehr achten. Dann fahren sie weiter.

Und jetzt stellen Sie sich vor, vier Tage später sehen Sie dasselbe Mädchen noch mal. Und zwar in der „Bild am Sonntag“. Unter dieser Überschrift:
So entkam meine Tochter einem Kinderschänder

Dort lesen Sie dann:

Es ist der Albtraum jeder Mutter: das Kind, entführt auf dem Schulweg. Der 10-jährigen [X] aus Essen (NRW) ist es beinahe passiert. […]

Als [X] an der Fußgängerampel steht, wird sie von einem Mann in einem schwarzen VW-Bus angesprochen. „Er wollte, dass ich zu ihm komme“, sagt [X]. Sie reagiert nicht, wie es ihr ihre Mutter [Y] beigebracht hat – nicht mit Fremden sprechen.

Aber der unheimliche Mann (lange Haare, Sonnenbrille) gibt nicht auf. Vor der Schule hält er ganz dicht neben [X]. Plötzlich greift er zu, hält das Mädchen fest. [X]: „Ich wollte mich losreißen, aber er hielt mich zu fest.“ Offenbar will der Mann die Schülerin in den Bus zerren. Da beißt sie ihm mit aller Kraft in den Arm. [X]: „Dann hat er losgelassen.“

All das lesen Sie also in der „Bild am Sonntag“. Und dieses Mädchen ist nicht nur dasselbe, das Ihnen vier Tage zuvor begegnet ist, auch der Ort und der Zeitpunkt der Begegnung sind identisch. Das heißt: Der „Entführer“, der „unheimliche Mann“, der „Kinderschänder“ — das sind Sie.

Was an jenem Tag auf dem Schulweg des Mädchens tatsächlich vorgefallen ist, lässt sich nicht ganz eindeutig rekonstruieren. Zumindest nicht so eindeutig, wie die „Bild am Sonntag“ es gerne hätte.

Sicher ist nur: So, wie das Blatt die Geschichte schildert, kann die Polizei sie nicht bestätigen. Denn die hält, wie sie gestern in einer Pressemitteilung klargestellt hat, eine ganz andere Version für die Wahrscheinlichste:

Nach der Medienberichterstattung einer Boulevardzeitung vom 23. September über den Fall einer versuchten Kindesentführung […], können die Ermittler heute Entwarnung geben.

Nach der Anhörung der 10-Jährigen und einer Befragung des 38-jährigen vermeintlichen Tatverdächtigen ließ sich deren Kontakt wie folgt erklären:

Der Autofahrer schilderte, dass er die 10-Jährige aus seinem Auto heraus ermahnt habe, weil sie im Straßenverkehr nicht aufgepasst habe. […]

Der von dem Mädchen geschilderten Tatablauf, dass sie von dem Autofahrer darüber hinaus angefasst worden sei, ist von ihrer Schilderung her für die Ermittler nicht nachvollziehbar.

Es ist möglich, dass sie sich so erschreckt hat, dass ihr die Phantasie einen Streich gespielt hat.

Ganz abgesehen davon, dass es für die Leute von „BamS“ nur die logische Konsequenz zu sein scheint, den mutmaßlichen Täter einer angeblich versuchten Entführung sofort als „Kinderschänder“ zu bezeichnen, hat die Polizei also starke Zweifel an der Version des Mädchens.

Zweifel sind den Leuten von der „Bild am Sonntag“ aber offenbar keine gekommen. Dabei hätte ein Anruf bei der Polizei genügt, um zu erkennen, dass die Schilderungen des Mädchens dort als „nicht nachvollziehbar“ gelten. Doch dieser Anruf blieb aus. Die „BamS“ habe zu keinem Zeitpunkt Kontakt mit der Polizei aufgenommen, teilte uns die Polizeisprecherin Tanja Hagelüken auf Anfrage mit.

Sorgfältiger recherchiert haben hingegen die Journalisten von RTL — genützt hat es trotzdem nichts. Im Gegenteil: Obwohl die Polizei den RTL-Leuten nach eigenen Angaben am Sonntag mitgeteilt hatte, die Version des Mädchens könne so nicht bestätigt werden, berichtete das Magazin „Punkt 9“ am Montag ebenfalls ausführlich über den Fall aus Essen — ohne die Zweifel der Polizei auch nur mit einem einzigen Wort zu erwähnen.

Aber immerhin war RTL im Gegensatz zur „BamS“ so gnädig, vor den „Kinderschänder“ noch ein „mutmaßlich“ zu setzen.

Mit Dank an Melanie N., Stefan und Micha.