In der Krise den Hitler an die Wand malen

Der Spiegel

Von Friedhelm Greis

Der „Spiegel“ erlaubt sich in seiner aktuellen Ausgabe eine perfide Form der Geschichtsklitterung.

In der elfseitigen Titelgeschichte zur Wirtschaftskrise („Angela Mutlos“) versucht das Magazin u.a., Parallelen zwischen der untätigen Regierungspolitik unter Angela Merkel und der Politik des Reichskanzlers Heinrich Brüning in der Weimarer Republik während der Weltwirtschaftskrise zu ziehen. Der Vergleich gipfelt darin, dass Brüning damals von sich aus zurückgetreten sei und damit die Machtergreifung Hitlers ermöglicht habe.

Mit anderen Worten: Das alles kann passieren, wenn man in der gegenwärtigen Lage nicht die Auffassung des „Spiegel“ vertritt und ein dickes Konjunkturprogramm auflegt. Die Passage (S.31) lautet:

"Der deutsche Reichskanzler Heinrich Brüning hingegen versuchte damals, die Wirtschaftskrise mit eiserner Sparsamkeit zu kontern - mit verheerenden Folgen. Er kürzte die öffentlichen Ausgaben für Wohnungsbau, drückte die Gehälter der Staatsbediensteten und hielt die Bürger an, ein "Übermaß an Feiern und Vergnügen" zu vermeiden. Dass er die Wirtschaft mit seiner Sparpolitik förmlich erdrosselte, wollte Brüning nicht einsehen. Forderungen nach einem staatlichen Konjunkturprogramm wies er zurück. Wenige Wochen später trat er zurück und eröffnete den Weg für Hitlers Machtergreifung."

Da wird zunächst der Eindruck erweckt, als habe Brüning überhaupt finanzielle Möglichkeiten gehabt, mit einem üppigen Konjunkturprogramm der Krise entgegen zu steuern. Aber:

  • Faktisch war Deutschland damals pleite, es hatte ein deutliches Haushaltsdefizit, nur minimale Devisenreserven, hohe Auslandsschulden und musste obendrein Reparationen nach dem Young-Plan zahlen.
  • Kredite aus dem Ausland waren kaum mehr zu bekommen.
  • Gegen eine Kreditausweitung per Notenpresse sprachen die traumatischen Erfahrungen der Hyperinflation von 1923.

Kurzum: Die Forschung ist sich inzwischen einig darüber, dass Brüning aus wirtschafts- und finanzpolitischen Gründen keinen Spielraum für eine aktive Konjunktur- und Arbeitsmarktpolitik sah. Darüber hinaus wollte er die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Deutschlands aber auch dazu nutzen, die Alliierten zu einem kompletten Verzicht auf die Reparationszahlungen zu bewegen. Und nicht zuletzt ging die Lohnsenkung mit einer staatlich verordneten Preissenkung einher, um den Binnenmarkt nicht gänzlich lahmzulegen und die Exportchancen zu steigern.

Das alles ignoriert der „Spiegel“ geflissentlich. Und am Schluss lapidar zu schreiben, dass Brüning (quasi in der Erkenntnis seiner wirtschaftspolitischen Erfolglosigkeit) zurückgetreten sei, ist natürlich ein Witz.

Zu Brünings Entlassung:

„Brünings Entlassung brachte die Befürworter einer autoritären Krisenlösung ihrem Ziel ein gutes Stück näher. Wäre es Hindenburg darum gegangen, von Weimar soviel wie möglich zu bewahren, hätte er an seinem vom Reichstag tolerierten Kanzler festhalten müssen.“

(Aus: Heinrich August Winklers Standardwerk „Weimar. 1918-1933“, S. 476.)

Im Reichstag hatte er wenige Wochen vor seinem Sturz noch den bekannten Satz geprägt, er stehe „hundert Meter vor dem Ziel“. Wenige Wochen nach seiner Ablösung erreichte Deutschland dann auch, dass die Reparationen bis auf eine Restsumme von drei Milliarden Goldmark gestrichen wurden. Die Gründe für Brünings Sturz sehen Historiker indes darin, dass seine Agrarpolitik die Interessen der ostelbischen Großgrundbesitzer gefährdete und er sein Kabinett nicht weit genug nach rechts ausrichten wollte (siehe auch Kasten).

Das alles passt offenbar nicht in die Argumentation des „Spiegel“. Aber der will gerade ohnehin nur agitieren, wie Finanzminister Peer Steinbrück ein paar Seiten später während eines Interviews bemerkt.