Negatives emotionales Potential aus der Kindheit

Frage: 374 Studentinnen und Studenten (im Folgenden: „Studenten“) besuchen im Wintersemester die Mathematik-Vorlesung für Lehramtsstudenten an der Universität zu Köln. 305 von ihnen treten zur Abschlussklausur an, doch nur 22 bestehen diese. An der Nachklausur nehmen 242 Studenten teil, von denen 79 bestehen. 6 weitere Studenten melden sich krank und dürfen eine weitere Nachklausur schreiben. Wie hoch ist die Durchfallquote der Vorlesung?

Boah, okay, das ist fies. Zählen die 69 Studenten, die zur Prüfung zugelassen waren, aber gar nicht erschienen sind, mit? Ich sag mal nein. Wer nicht antritt, kann ja weder bestehen noch durchfallen.

Rechnung: (22+79) / 305 * 100 = 33,1147541
100 – 33,1147541 = 66,8852459

Ach, verdammt, da sind ja noch die Krankmeldungen. Da weiß ich gar nicht, wie viele von denen bestehen. Bei meiner Rechnung ja null. Und wenn alle sechs bestehen …

Rechnung 2: (22+79+6) / 305 * 100 = 35,0819672
100 – 35,0819672 = 64,9180328

Antwort: Die Durchfallquote liegt zwischen 64,9 und 66,9 %.

Oh, Mist. Oder hätte ich die 79 Leute aus der Nachklausur in Relation zu den 242 setzen müssen, die dazu überhaupt nur erschienen sind? Ach nee, die anderen sind ja auf jeden Fall durchgefallen. Oder? Verdammt, warum hab ich mich nur für Mathe als Nebenfach entschieden?

Was Studenten an den Rande des Nervenzusammenbruchs bringen kann, ist für „Spiegel Online“ kein Problem: Die Hochschulredakteure dort setzen einfach die 22 Studenten, die im ersten Anlauf bestanden haben, ins Verhältnis zu den 374 Studenten, die für die Klausur zugelassen waren, und kommen so auf eine noch viel beeindruckendere Zahl:

Proteste nach harter Mathe-Klausur: Durchfallquote 94 Prozent

„Spiegel Online“ schließt sich damit der Lesart von „Kölner Stadtanzeiger“, „WAZ“ und WDR 5 an, die in den letzten Wochen und Monaten über den Fall berichtet hatten.

Das Seminar für Mathematik und ihre Didaktik der Uni Köln hatte sich schon vor Erscheinen des „Spiegel Online“-Artikels in einer ausführlichen Stellungnahme (PDF) zu den Vorwürfen der Studenten geäußert.

Neben Einlassungen zur Zahl der bestandenen Klausuren („Damit werden am Ende der Veranstaltung 101 bis 107 diesen Modul bestanden haben“) gibt es einen ziemlich langen Teil zur Presseresonanz:

Die Skandalisierung eines solchen Ereignisses nimmt für uns eine neue Qualität an, wie sie uns bislang nur von englischen Kollegen berichtet wurde. […]

Unerträglich ist es für uns jedoch zu lesen, wenn Studierende, Journalisten, Leserbriefschreiber, Blogger und andere – meist ohne Kenntnis der Hintergründe – denken, den Grund für den Ausgang der Klausur in der Person der Dozentin ausgemacht zu haben. Sie schädigen den Ruf einer ausgewiesenen Dozentin. Seit dem Bekanntwerden des Klausurergebnisses wurde die Dozentin in der Öffentlichkeit persönlich angegriffen. […] Eine Teilnehmerin der Vorlesung schrieb am 29.02.2012 in einem Leserbrief: „Wie kann es sein, dass eine Professorin lehrt, die anscheinend keinerlei Interesse an den Studenten beziehungsweise ihren Zielen hat?“. Von ihr hat die Dozentin sieben E-Mails mit Mathematikfragen erhalten, die sie alle nachweisbar freundlich und sachlich beantwortet hat. Sie hat auch einige unfreundliche und sogar grob beleidigende E-Mails von Studierenden erhalten. Diese hat sie noch am selben Tag oder in einem Fall am folgenden Tag ausführlich beantwortet. Dies alles kann belegt werden. Diese Studierenden haben sich bis heute nicht von ihrer Aussage in der Zeitung distanziert, noch dafür entschuldigt.

Auch von Journalisten wurde ihr unterstellt, Dinge gesagt zu haben wie „Ihr habt nicht mal das Niveau einer fünften Klasse.“ (Stadt-Anzeiger) oder dass sie die Studierenden für ‚zu blöd‘ halte und ihnen ‚ein beschränktes Denken‘ (WAZ) unterstelle. Diese angeblichen Zitate passen nicht zu ihrem nachweisbar großen Engagement. Wenn sie dieser Haltung wäre, würde sie nicht bis 21 Uhr freiwillig und unbezahlt Tutorien anbieten, um die aus der Schule mitgebrachten Defizite zu bearbeiten. Dass es diese Defizite gibt, hat sie allerdings sehr wohl angesprochen. Studierende, die behaupten, die Hilfe der Dozentin nicht in Anspruch genommen zu haben, weil sie sich eingeschüchtert fühlten, haben auch die Sprechstunden der Mitarbeiter und Hilfskräfte nicht besucht. Selbst in seriösen Medien (WDR 5, Deutschlandfunk) finden sich falsche oder aus dem Zusammenhang gerissene Zitate. Der dortige Verweis auf den kulturellen Hintergrund der Dozentin (‚Was sie hier verlange entspräche dem Niveau der neunten Klasse in ihrer Heimat Rumänien, meinte sie gegenüber den Studierenden in ihrer Vorlesung.‘) stimmt in Anbetracht der ausgiebigen Erfahrungen der Dozentin an deutschen Universitäten und ihrer perfekten Beherrschung der deutschen Sprache nachdenklich.

Die Dozentin dieser Vorlesung hat sich weit über das von ihr geforderte Maß eingesetzt. […] Die E-mail Korrespondenz mit den Studierenden ist nachweisbar freundlich und auf die Sache bezogen – selbst dann noch, wenn sie mit frustrierten, polemischen Äußerungen von Studierenden konfrontiert wurde. […]

Die vielen Beschimpfungen der Dozentin durch Menschen, die sie gar nicht kennen, können wir uns vor allem nur durch das negative emotionale Potential erklären, dass Mathematikunterricht in Deutschland bei vielen Menschen in ihrer Kindheit erzeugt haben muss. Aber genau hier können wir nur mit mathematisch kompetenten Lehrerinnen und Lehrern Abhilfe schaffen.

Mit Dank an Thomas F.