Venedig sehen und irren

Seit die „Costa Concordia“ vor der Insel Giglio auf Grund lief und dort auf der Seite liegt, berichten die Medien nicht nur über das merkwürdige Verhalten des Kapitäns, sondern auch über das Konzept „Kreuzfahrt“ an sich.

Bei „Zeit Online“ erschien am Montagabend ein Artikel, der die „riskanten Manöver“ hinterfragte, bei denen „die Schiffe wenige Hundert Meter von der Küste entfernt wie Models auf dem Laufsteg“ posierten.

Darin kam auch der Bürgermeister Venedigs zu Wort:

Venedigs Bürgermeister Giorgio Orsoni warnte schon im vergangenen Dezember vor der Gefahr durch Kreuzfahrtschiffe in PR-trächtiger Küstennähe. In seiner Stadt ist der Anblick von Touristentankern hinter dem Kirchenturm von San Marco keine Seltenheit. „Wir müssen mit den Reedereien über die Durchfahrt dieser Monster durch den Canal Grande dringend diskutieren“, sagte Orsoni damals. „Sie stellen eine Gefahr sowohl für die Umwelt als auch für die Stadt dar.“

Es ist weitgehend unwahrscheinlich, dass sich Giorgio Orsoni dergestalt geäußert hat — als Bürgermeister der Lagunenstadt sollte er zumindest wissen, dass der Canal Grande (ja: „Canal“, nicht „Canale“, das könnte Ihnen bei „Wer wird Millionär?“ mal helfen!) zwischen 30 und 70 Metern breit und bis zu 5 Meter tief ist und von vier eher flachen Brücken überspannt wird.

Diese Merkwürdigkeit ist auch einem Leser von „Zeit Online“ aufgefallen, der schon am Montagabend in den Kommentaren schrieb:

Die ganze Geschichte ist schlimm genug, da muss nicht auch noch behauptet werden, dass sich solche Schiffe um der Show willen durch den Canal Grande schlängeln. Der Versuch würde gleich am Canaleingang, etwa auf Höhe der Santa Maria della Salute durch Stecken Bleiben scheitern und nach 650 m steht die Accademia Brücke im Weg. Der Bürgermeister hat mit Sicherheit vom 3 bis 4 x so breiten Canale della Giudecca gesprochen, durch den die riesigen Kreuzfahrschiffen tatsächlich fahren.

Der Autor des Artikels reagierte darauf, indem er wortlos einen Link zu einem italienischsprachigen Artikel postete, in dem weder die Worte „Canal Grande“ noch der Name des Bürgermeisters vorkam.

Nachdem wir den Autor gestern auf diese Merkwürdigkeit hingewiesen hatten, erklärte er uns, er nehme inzwischen auch an, die Passage falsch wiedergegeben zu haben, und werde sich um eine Korrektur kümmern.

Inzwischen hat „Zeit Online“ das Zitat überarbeitet und weist auf die Korrektur hin:

Anmerkung: Der Bürgermeister von Venedig, Giorgio Orsoni, wurde ursprünglich im Text falsch zitiert. Wir bedanken uns bei unseren Lesern, die auf den Fehler hingewiesen haben.

Nur die unwahrscheinliche Bildunterschrift, die haben sie übersehen:

Ein Kreuzfahrtschiff auf dem Canal Grande in Venedig

Mit Dank an Tobias M.

Nachtrag, 15.20 Uhr: Auf dem Foto sehen wir laut Bildunterschrift jetzt „Ein Kreuzfahrtschiff vor Venedig“.