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Angst vor der eigenen Rechthaberei

Die Europa-Union Deutschland, die sich selbst als überparteiliche, überkonfessionelle und unabhängige politische Nichtregierungsorganisation für ein föderalistisches Europa versteht, hat bei der diesjährigen Verleihung des Europapreises „Bild“ mit der sogenannten „Distel“ für den europapolitischen Fehltritt des Jahres bedacht. In einer Pressemitteilung heißt es:

Nikolaus Blome, Leiter des Hauptstadtbüros der BILD-Zeitung, erhielt stellvertretend für sein Blatt die Europa-Distel für den größten europapolitischen Fehltritt des Jahres wegen der Forderung, Griechenland solle seine Inseln verkaufen. (…)

In seiner Laudatio auf die BILD stellte der Vorsitzende von Europa-Professionell, Joachim Wuermeling, fest, dass es ein Fehler war, eine solche Emotionalität in die Debatte zu bringen und zwischen guten und schlechten Euro-Ländern zu unterscheiden. Er machte klar: „Wir wollen keine europäische Misstrauensgesellschaft!“

Von Einsicht ist bei „Bild“ allerdings nichts zu bemerken:
Trotz Schmäh-Preis für unsere Griechenland-Berichterstattung Darum bleibt BILD bei seiner Meinung!

Es ist ein stacheliger Preis, der als Kritik an BILD gemeint ist: Die Europa-Union verlieh BILD die „Europäische Distel“ – weil BILD mit seiner Berichterstattung angeblich die europäischen Bürger gegeneinander aufbringt.

BILD stellte sich der Kritik. Und erklärte den erstaunten Europa-Politikern, warum die Redaktion in der Euro-Krise bei ihrer Meinung bleibt!

„Bild“ zitiert dann weite Teile der Rede, die Nikolaus Blome, Leiter des Hauptstadtbüros und stellvertretender Chefredakteur, bei der Preisverleihung gehalten hat. Dabei wird schnell klar: „Bild“ hat sich der Kritik nicht „gestellt“, sondern hat sie einfach weggebügelt.

So fragt Blome etwa:

Soll uns der Preis ex post nahelegen zu schweigen, uns also irgendwie „mundtot“ machen?

Dabei kritisierte die Europa-Union nicht, dass „Bild“ über die griechische Schuldenkrise berichtet hat, sondern wie (BILDblog berichtete hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier).

Blome fragt scheinheilig:

(…) hätten wir die Geschichte „BILD gibt den Griechen die Drachmen zurück!“ (27.4. 2010) nicht machen sollen? Den selbstverständlich nicht repräsentativen Versuch, mit dem medienüblichen Mittel der Straßenumfrage zu erhellen, ob die Griechen ihre alte Währung zurückwollen? Inzwischen vergehen in Griechenland keine sieben Tage, ohne dass eine solche Umfrage gemacht wird.

Zunächst einmal stand über dem berüchtigten Artikel nicht, wie Blome behauptet, „BILD gibt den Griechen die Drachmen zurück!“, sondern „BILD gibt den Pleite-Griechen die Drachmen zurück!“. So nennt die Zeitung die Einwohner Griechenlands seit mehr als anderthalb Jahren.

Und natürlich war Paul Ronzheimers Aktion nicht „medienüblich“, sondern eine klare Grenzüberschreitung, bei der es einzig und allein darum ging, die Griechen vorzuführen („Und das Irre: Viele jubeln und reißen sich darum…“). Man stelle sich vor, ein ausländisches Blatt würde in Deutschland eine derartige Aktion durchführen. „Bild“ wäre sicherlich die Zeitung, die als erstes die Frage stellen würde „Warum werden wir Deutschen so verhöhnt?“.

Blome weiter:

Und noch eine Zugabe: „Verkauft eure Inseln, ihr Pleite-Griechen.“ Auch hier verspreche ich Ihnen: Exakt so wird es kommen. (…)

(Haben Sie’s gemerkt? Blome offensichtlich nicht.)

70.000 staatseigene Grundstücke stehen in Griechenland zum Verkauf, darunter eine komplette Halbinsel und ein kleiner Berg. Vollzogen wird der Verkauf am Ende vielleicht von einer Treuhandanstalt wie weiland in der untergegangenen DDR. (…)

Dabei weiß Blome vermutlich selbst am besten, wie diese Forderung in einem Land, das im zweiten Weltkrieg jahrelang unter der deutschen Besatzung gelitten hat, aufgefasst wird.

Der Unterschied zwischen den krawalligen „Pleite-Griechen“-Überschriften in „Bild“ und der Sprache der anderen deutschen Zeitungen wird ausgerechnet in dem Moment am deutlichsten, in dem Blome behauptet, „die anderen“ würden ja genauso schreiben:

Und weil das so ist, schreiben die anderen jetzt auch so. Nur ein Beispiel aus dem Juni 2011, Süddeutsche Zeitung. Der Autor delektiert sich unter der Überschrift „griechischer Schein“, wie das „Land seine Schulden verschleierte“, etwas, was sonst nur in einer „korrupten afrikanischen Diktatur“ vorkomme. Selbst bei der Qualifikation für die Währungsunion hatten die Griechen gelogen“, bis das „Lügengebäude zum Einsturz“ kam.

Der Höhe Tiefpunkt seiner Rede macht deutlich, dass Blome nicht ansatzweise verstanden hat, wofür „Bild“ ausgezeichnet wurde:

Kurzum: Ich gebe zu. Rechthaben macht Spaß. In diesem Maße recht zu haben, und zu behalten, macht fast ein bisschen Angst.

Die sonst geläufige Redewendung, nach der der Ton die Musik mache, war den Großmüttern von Nikolaus Blome offenbar unbekannt — oder ihr Enkel hat auch damals schon nicht richtig zugehört.

Gegen Ende seiner Rede greift Blome dann wieder seine eingangs erwähnte Sorge, die Verleihung der Distel solle seine Zeitung „mundtot machen“, auf:

Haben Sie das Gefühl, Griechenland ginge es besser, wenn wir die Klappe gehalten hätten? Und glauben Sie im Ernst, BILD hätte die Griechenland-kritische Stimmung gemacht?

Vermutlich ginge es Griechenland nicht besser, wenn Blome und seine Leute „die Klappe gehalten hätten“, aber darum ging es bei dieser Preisverleihung gar nicht. Das Klima zwischen Deutschen und Griechen könnte allerdings deutlich weniger angespannt sein, wenn „Bild“ die Klappe gehalten weniger hetzerisch berichtet hätte.

Denn dass „Bild“ die „Griechenland-kritische Stimmung“ nicht wenigstens ordentlich mit angeheizt hätte, glaubt Blome hoffentlich nicht im Ernst.