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„Das hat etwas von einer Vergewaltigung“

Wolfgang Niedecken: Ja, es war ein SchlaganfallEs ist ein merkwürdiges Triumphgeheul, das „Bild“ heute in der Kölner Ausgabe anstimmt:

Und es war doch ein Schlaganfall!

Warum „doch“? Hatte jemand was anderes behauptet?

Niedecken hatte BILD verbieten lassen, wahrheitsgemäß zu berichten, dass er einen Schlaganfall hatte. Überraschend offen sprechen Niedecken und seine Frau Tina (46) nun im aktuellen „Spiegel“. Sie sagen ganz klar:

JA, ES WAR EIN SCHLAGANFALL!

Niedecken hatte in der Tat mehrere Einstweilige Verfügungen gegen „Bild“ erwirkt — mit Verweis auf seine Privatsphäre und die seiner Familie (BILDblog berichtete mehrfach). Dass Niedecken nun, da er wieder auf den Beinen ist, im „Spiegel“ von sich aus einen Blick in diese Privatsphäre gewährt, rechtfertigt nachträglich nicht, dass „Bild“ diese Privatsphäre verletzt hatte.

Anders als „Bild“ jetzt suggeriert bezogen sich die Einstweiligen Verfügungen nicht nur auf die Art der Erkrankung. „Bild“ wurde unter anderem auch verboten, Fotos von Niedeckens Frau und Kindern auf dem Krankenhausparkplatz (BILDblog berichtete) abzudrucken, „Details zur Fürsorge der Familie Niedecken für Wolfgang Niedecken“ zu veröffentlichen und Details über die Krankenhausbehandlung Niedeckens zu verbreiten.

So berichtete BILD schon am 3. und 4. November über den Schlaganfall

Vor allem aber wurde „Bild“, die ja nach eigener Ansicht „wahrheitsgemäß“ berichtet hatte, untersagt, Details des angeblichen Erkrankungshergangs zu veröffentlichen, die laut Niedecken „falsch“ bzw. „frei erfunden“ waren. Erst vergangene Woche hatte „Bild“ eine diesbezügliche Einstweilige Verfügung anerkannt und auf sämtliche Rechtsmittel verzichtet.

Statt auf eigene Spekulationen bzw. „Informationen“ setzt „Bild“ heute deshalb lieber auf das, was Niedecken selbst preisgegeben hat:

BILD druckt Auszüge des Interviews…

… und könnte sich damit den nächsten juristischen Ärger einhandeln — diesmal allerdings mit dem „Spiegel“, denn die „Auszüge“ umfassen weite Teile dessen, was Niedecken zum Krankheitsverlauf gesagt hat.

Nicht zitiert hat „Bild“, wie das Gespräch später weiter ging:

SPIEGEL: Wie fühlt es sich an, öffentlich krank zu sein? Kann man als Prominenter sagen: Meine Krankheit ist reine Privatsache, da lasse ich keinen dran teilhaben?

Niedecken: Ich selbst war schockiert, als die „Bild“-Zeitung gleich erfundene Details über meinen Schlaganfall verbreitete. Dass sie meine Töchter vor dem Krankenhaus fotografiert haben und ein Reporter ihnen aufgelauert hat und sie ausquetschen wollte. Als Tina und ich vor ein paar Tagen am Rhein spazieren gingen, sah ich plötzlich „Bild“-Paparazzi hinter dem Baum. Auf einem der Fotos sieht man mir den Schreck über den Fotografen richtig an. Ich schaue tatsächlich wie jemand, der einen Schlaganfall hatte.

Tina Niedecken: Schatzi, du hattest einen Schlaganfall!

Niedecken: Ja, weiß ich ja. Ich meine nur, es sah so aus, wie man sich Schlaganfall-Patienten im Boulevard vorstellt. Ich gucke so ein bisschen irre. Das Gefühl, die Kontrolle über seine Privatsphäre zu verlieren, ist schlimm. Das hat etwas von einer Vergewaltigung.

Mit Dank auch an Matthias M.

Nachtrag, 17.35 Uhr: Niedeckens Anwälte bezeichnen die heutige Berichterstattung von „Bild“ als „scheinheilig“, weil die Zeitung ganz genau wisse, dass das Verbot nicht deshalb ergangen sei, weil die Meldung falsch war, sondern weil eine Veröffentlichung von Krankheiten ohne Zustimmung Niedeckens in das Persönlichkeitsrecht Niedeckens eingreife.

Der „Spiegel“ erklärt uns unterdessen auf Anfrage, dass er nicht gegen „Bild“ vorgehen wolle, auch wenn das Ausmaß, in dem die Zeitung aus dem Magazin zitiert, durchaus „episch“ sei.