Die „Popstars“-Lüge von „Bild“

Es hat schon eine gewisse Ironie, wenn ausgerechnet die „Bild“-Zeitung, die täglich das private Leid von Menschen ausschlachtet, scheinbesorgt fragt, ob man, wenn die Teilnehmerin einer Castingshow erfahren hat, dass ihre Mutter gestorben ist, „solche persönliche Szenen vor Millionen Menschen zeigen darf“.

Und es gehört natürlich zur routinierten Bigotterie von „Bild“, das nicht nur zu fragen, sondern die persönlichen Szenen, um die es geht, als Fotos auch ihren Millionen Lesern vorab zu zeigen.

Doch anders als „Bild“ behauptet, zeigt die heutige Ausgabe von „Popstars“ auf ProSieben gar nicht, wie Victoria die schockierende Nachricht bekommt. Der Moderator Detlef D. Soost bittet sie aus dem Raum, um einen Anruf entgegen zu nehmen. Dann ist sie nach Angaben von ProSieben nicht mehr zu sehen. Die Show zeige nur, wie die anderen Mädchen auf die Nachricht vom Tod von Victorias Mutter reagieren.

Im Kleinergedruckten schildert auch die „Bild“-Zeitung — die die Show nach Angaben von ProSieben wie üblich zusammen mit anderen Medien vorab vom Sender bekommen hat — den Vorgang ähnlich. Sie behauptet aber in der Überschrift das Gegenteil und erweckt geschickt (und vermutlich gezielt) den Eindruck, das große Foto von der traurig guckenden Kandidatin zeige sie in eben dieser Situation. In Wahrheit ist das Bild schon vor Wochen aufgenommen. Es zeigt Victoria beim Ausfüllen eines Fragebogens beim Casting in Dortmund.

Unter ein anderes Foto, das tatsächlich aus der heutigen Folge stammt, hat „Bild“ geschrieben: „Er sagt es ihr! Jury-Mitglied Detlef D! Soost (38) bittet Victoria, ans Telefon zu kommen.“ Wohlgemerkt: „Es“ ist die Information, ans Telefon zu kommen.

Die Manipulationen haben sich für „Bild“ ausgezahlt. In Jo Groebel fand sich ein willfähriger Berufsexperte, der über das Ausstrahlen „solch persönlicher Szenen“ sagte: „Das geht absolut nicht!“ Scheinjournalistische Angebote wie „RP Online“, der Internet-Ableger der „Rheinischen Post“, behaupteten unter Bezug auf „Bild“: „Der Sender hält mit der Kamera drauf, als die 16-jährige Kandidatin Victoria vom Tod ihrer Mutter erfährt.“

Und CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla gab eine Pressemitteilung heraus, in der er „dringend eine gesellschaftliche Debatte über die Qualität unseres Fernsehens“ forderte und sich „fassungslos“ über „die Verwahrlosung in manchen TV-Sendungen“ zeigte:

Einem 16jährigen Mädchen im Rahmen einer TV-Show mitzuteilen, dass ihre Mutter verstorben sei, ist zynisch. (…) Ich fordere den Sender auf, die entsprechenden Stellen nicht auszustrahlen und das Mädchen zu schützen — auch vor sich selbst.

Es wirkt nicht so, als würde Pofalla die „entsprechenden Stellen“ kennen und wissen, dass das Mädchen die Nachricht zwar „im Rahmen einer TV-Show“ bekam, aber nicht in der TV-Show.

Pofallas durch die falsche Darstellung in „Bild“ ausgelöste Empörung ist inzwischen wieder bei Bild.de gelandet. Ein neuer Artikel wiederholt unbeirrt die Falschmeldung:

Die 16-jährige Victoria — heute Abend will die Sendung „Popstars“ (20.15, Pro7) zeigen, wie sie vom Tod ihrer Mutter erfuhr.

 
PS: Heutiger Blattkritiker bei „Bild“ war der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke. Er sagte zur Frage „Wie geht ‚Bild‘ mit Menschen um?“:

„Menschenverachtendes habe ich nicht gefunden, im Gegenteil. Ich finde es sehr gut, dass Sie sensibilisieren für den Missbrauch dieses Kindes Victoria bei der Casting-Show. Was da geschieht, und auch noch mit schönen Ausreden, das ist wirklich unerträglich. Wenn Sie wirklich groß aufgemacht dafür sensibilisieren oder dagegen sensibilisieren, dann ist das gut.“

Mit Dank an Jens L., Christian S., Thomas, Piet W., und H.-D.!