Die und wir

Am Sonntag haben über 20.000 überwiegend türkischstämmige Muslime gegen Terror und islamistisch motivierte Gewalt demonstriert. Die „Bild“-Zeitung nimmt dies zum Anlass für einen Kommentar. Peter Boenisch ruft darin scheinbar zum Miteinander auf. Zum Miteinander von… — und da wird es kompliziert: zum Miteinander von Deutschen und Moslems? Von Deutschen und Türken? Von Christen und Moslems?

Schwer zu sagen. Jedenfalls: von uns und ihnen.

In dem „Bild“-Kommentar heißt es (Hervorhebungen von uns):

(…) Schön, daß das auch andere, die in unserer freiheitlichen Gesellschaft mit uns leben, genau so sehen.

Die Muslime, die sich für ein friedliches Miteinander mit uns auf den Straßen Kölns versammelt haben, sind ein Zeichen der Hoffnung.

Mit ihrer Demo wollen die Muslime darauf aufmerksam machen, daß sie gerne hier sind.

Auch viele von uns haben gelernt, sie zu schätzen. Bricht eines unserer Kinder auf dem Eis ein, ist es oft ein Türke, der als erster den Sprung wagt, um das Kind zu retten.

Fährt einer von uns zur Frühschicht, stapeln schon die orientalischen Obsthändler ihre frische Ware zum appetitlichen Angebot. Die Fremden sind uns nicht nur fremd, sondern oft auch sehr nützlich.

Jetzt zeigen sie offen Sympathien für ihr Gastland.

Der „Bild“-Text wirft viele Fragen auf. Zum Beispiel die, warum die Türken, die es in den vergangenen Jahren in der öffentlichen Rhetorik immerhin zum „Mitbürger“ geschafft haben, nun wieder nur „Gast“ in unserem Land sind. Oder die, wie angenehm es für einen Moslem/Türken sein muss, zu wissen, dass er „uns“ zwar „fremd“, aber auch „sehr nützlich“ ist.

Herr Boenisch kann natürlich meinen, was er will. Beunruhigend an seinem Kommentar ist jedoch eine Diskrepanz: Er tut so, als wolle er versöhnen statt spalten. Es gibt bei seinen vielen „Wir“s aber kein einziges, das Deutsche und Türken (Christen und Muslime?) ausdrücklich gemeinsam umfasst.

Der „Bild“-Text schließt:

Ihre Demo ist ein Anfang, ein öffentliches Bekenntnis: „Wir lassen uns nicht von Fundamentalisten aufeinanderhetzen.“

Wir auch nicht.

Von Fundamentalisten also nicht. Aber von der „Bild“-Zeitung?