Urbane Legenden über Political Correctness (2)

Die Falschmeldung, dass die BBC die Bezeichungen „vor Christus“ (BC) und „nach Christus“ (AD) abgeschafft und durch die religionsneutralen Formulierungen „vor / nach unserer Zeitrechnung“ (BCE / CE) ersetzt habe, zieht Kreise.

Die „Neue Osnabrücker Zeitung“ (Neue OZ) berichtete groß in ihrer Samstagsausgabe:

LONDON. Die BBC streicht die Geburt Jesu aus dem Programm: Moderatoren sollen bei Zeitangaben nicht mehr die Begriffe „vor Christus“ und „nach Christus“ verwenden. Damit will der Sender auf die Sensibilitäten anderer Ethnien Rücksicht nehmen. Doch im Jahr 2011 nach der Geburt jenes Mannes, der nicht mehr genannt werden darf, regt sich viel Protest.

Was die Autorin mit „Ethnien“ meint, wenn es doch um Religionen geht, ist nicht ganz klar, aber ohnehin ist das alles falsch — wie der aufmerksame Leser des Artikels immerhin erahnen kann, wenn er weiterliest bis zu der Stelle, an der plötzlich nicht mehr von einem Verbot, den Namen Jesu zu nennen, die Rede ist: „(…) jede Redaktion darf selbst entscheiden, welche Variante sie nutzt (…).“

Die BBC überlässt ihren Mitarbeitern also die freie Entscheidung. Die BBC-Religionsseiten im Internet haben sich dafür entschieden, die religionsneutralen Bezeichnungen zu verwenden, die im Schulunterricht in England und Wales ohnehin seit fast zehn Jahren verwendet werden. Die Entscheidung dieses BBC-Ressorts wurde schon vor Jahren getroffen und veröffentlicht, ist aber offenbar erst jetzt von Kritikern der BBC und der angeblichen „Political Correctness“ entdeckt worden, die sie für eine sehr wirkungsvolle Desinformationskampagne nutzen.

Auch die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ (WAZ) wollte die längst widerlegte Mär glauben und packte eine kurze, falsche Meldung, die offenbar von derselben Autorin stammt wie die „Neue OZ“-Version, sogar auf ihre Titelseite:


Foto: pottblog.de

Sicherheitshalber ordnete die WAZ die Sache gleich noch für ihre Leser in einem Kommentar auf Seite 2 ein, der zu dem Schluss kommt:

Diese epochale Entscheidung beruhigt uns sehr. Zeigt sie uns doch, dass es nicht nur hierzulande politisch überkorrekte Bedenkenträger gibt, die Probleme vor allem dort suchen, wo sie keinen stören.

Er meint mit den beunruhigenden „Bedenkenträgern“ selbstverständlich nicht die Leute, die ein Problem damit haben, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Großbritannien seinen Redakteuren die Wahl lässt, und die der BBC vorschreiben wollen, wie sie in jedem Fall die Jahrenzahlen angeben muss. Und immerhin war es die WAZ, die das „Problem“ der Bezeichnung der Zeitenwende in einem kleinen Teil des BBC-Angebotes im Vergleich zu all den anderen Problemen auf der Welt wichtig genug fand, um es auf die Titelseite zu packen und einen Kommentar dafür zu verwenden.

Der vollständige Kommentar wurde übrigens noch am Freitagabend von der Nachrichtenagentur dapd weiterverbreitet, die offenbar aus irgendwelchen Gründen annahm, die WAZ-Leute kennten sich aus mit dem, was sie kommentieren.

Mit Dank an Benedikt und den Pottblogger!

Nachtrag, 5. Oktober. Die falschen Behauptungen wurden auch vom „Bonner Generalanzeiger“ („Neue Zeiten bei der BBC: Jesu Geburt wird nicht mehr genannt“), der „Kölnischen Rundschau“ („Bei der BBC wird Jesu Geburt nicht mehr genannt“) und dem „Mannheimer Morgen“ („Christus fliegt aus dem Programm“) verbreitet.