Weimerer Klassizismus

„Weimers Woche“ ist erstens eine Alliteration und zweitens der Titel einer Kolumne, die der damalige Chefredakteur des Politmagazins „Cicero“, Wolfram Weimer, bis Ende 2009 fürs „Handelsblatt“ und für stern.de geschrieben hat. Dann wurde Weimer Chefredakteur der Illustrierten „Focus“, wo er im Juli dieses Jahres nach einem „Machtkampf“ mit „Focus“-Gründer Helmut Markwort gehen musste — bzw. um sich nach offizieller Sprachregelung „neuen Projekten zuwenden zu können“.

Zuvor wendet sich Wolfram Weimer aber erst mal alten Projekten zu und hat fürs „Handelsblatt“ seine Kolumne wiederbelebt. In der ersten Ausgabe vergangene Woche widmete er sich den „Sündenböcken“ des politischen Berlins, also dem Papst, den Banken und der FDP:

Regierung schwach, Börsen panisch, Euro marode, Sonntag zu selten, Auto kaputt, Milch sauer? Berlin weiß: Entweder war es Philipp Rösler, Josef Ackermann oder Benedikt XVI.

Dabei ist die Bundesregierung mindestens so schlimm wie die Banken, sagt Weimer, und hebt zur Verteidigung der letzteren an:

Unsere Generation hat über Jahrzehnte noch nicht ein einziges Jahr mit einem ausgeglichenen Bundeshaushalt erlebt – egal übrigens, welche Partei gerade regiert hat. Selbst wenn wir all unsere Banken – private haben wir sowieso kaum noch welche – verstaatlicht hätten und den Euro wieder abschafften – der Schuldenberg Europas müsste doch bezahlt werden. Dass Berlin also die Banken in Frankfurt als „verantwortungslose Kreditteufel“ attackiert, ist ein Witz.

Ja, das ist ein Witz. Sogar einer mit einer Pointe.

Denn was findet man, wenn man bei Google nach „verantwortungslose Kreditteufel“ sucht?

Wenig, sehr wenig. Genau genommen nur eine einzelne Kolumne über die amerikanische Bankenkrise aus dem Jahr 2008.

Vor allem die Politiker Europas werfen sich in diesen Tagen eifernd ins Zeug. In besserwisserischen Posen schwadronieren sie über den Atlantik, als gäbe es da drüben nur verantwortungslose Kreditteufel, während hier alle Soliditätsengel zu Hause seien.

Bei der Kolumne handelte es sich um „Weimers Woche“ und es sieht ganz so aus, als hätte bisher niemand Wolfram Weimer den Gefallen getan, die „verantwortungslosen Kreditteufel“ zu einem geflügelten Wort zu machen — zumindest so lange, bis Wolfram Weimer zurückkam.

P.S. Im Juli, als Weimer noch „Focus“-Chef war, hatte der Branchendienst „Werben & Verkaufen“ geschrieben:

Unterdessen ist die positive Aufbruchstimmung vom Juli 2010 mittlerweile verflogen, die Redaktion spart nicht an Kritik. So mancher wundert sich, dass Weimer Texte, die er bereits an anderer Stelle veröffentlicht hat, im „Focus“ reycelt. Wie beispielsweise im Text „Der Überflieger“ (50/10) über Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg – ein Recycling seiner Laudatio, als der Ex-Verteidigungsminister „Politiker des Jahres 2009“ wurde. Ebenfalls mehrfach genutzt: Ein Beitrag aus Weimers Vorgänger-Blatt „Cicero“ vom August 2006 erschien erneut in „Focus“ 18/11 als „Die Lücke, die Gott lässt.“ Und: Im Extra-Heft zur Katastrophe in Fukushima brachte Wolfram Weimer in „Focus“ die gleiche Zitate-Sammlung, wie sie schon in „Cicero“ 2/05 zu lesen war. Auch das Memo „Die spielen Schuldenmonopoly“ (51/10) erinnert stark an einen Blog-Beitrag Weimers aus dem Jahr 2008.

Mit Dank an Basti.