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So entstehen Gerüchte

Sie liebe Verschwörungstheorien, schreibt Patricia Driese auf der letzten Seite der heutigen „Bild“-Ausgabe — und „Bild“ selbst tut das natürlich auch.

Deswegen müssen sie bei „Bild“ jubiliert haben, als am Dienstag bei einer Buchvorstellung in Berlin Gerüchte aufkamen, der im Juli 1997 erschossene Modeschöpfer Gianni Versace könnte noch leben.

Die „Frankfurter Rundschau“ fasst die Behauptung am Rande ganz gut zusammen:

Der im Juli 1997 von einem psychisch gestörten Serientäter in Miami erschossene Versace sei ein enger Freund vom Boss Coco Trovato gewesen, erzählt [Kronzeuge Giuseppe di Bella]. In den 80er-Jahren soll Versace zudem für die ‚Ndrangheta-Organisation in der Lombardei Millionen aus kriminellen Geschäften gewaschen haben.

Und Di Bella geht noch weiter: Er stellt die These auf, dass Versace noch lebt und ein anderer an seiner Statt sterben musste, weil ihn die ‚Ndrangheta damals in Sicherheit bringen wollte. Als einzigen Beleg für diese kühne Version führt der Kronzeuge einen Auftrag an, den er angeblich 1997 erhalten habe: Für umgerechnet eine halbe Million Euro sollte er die Urne mit Versaces Asche stehlen, um einen möglichen DNA-Test zu verhindern.

Die Urne wurde nie geklaut. Versaces Asche ließe sich also noch untersuchen.

„Bild“ machte daraus natürlich den Aufhänger:

Mafia-Experte behauptet in einem Enthüllungsbuch: Versace wurde nicht erschossen – er lebt!

Pflichtschuldig bemüht sich die Zeitung anschließend um eine Objektivierung, ohne sich dabei selbst die schöne Story kaputt zu machen:

WAS STECKT HINTER DEN SPEKULATIONEN?

Versace war angeblich tief in Mafia-Geschäfte verstrickt – hatte enorme Schulden. Und: In dem Buch wird behauptet, dass Versace eine 20-Millionen Dollar-Lebensversicherung abgeschlossen hatte.

Und Versaces Mörder? Der wird das Rätsel nicht lösen. Andrew Philip Cunanan brachte sich acht Tage nach Versaces Tod im Knast um. Angeblich.

Dass sich Cunanan „im Knast“ umgebracht hätte, dürfte selbst von den Verschwörungs-fernsten Geistern bezweifelt werden: In Wahrheit (oder „angeblich“, für „Bild“-Redakteure) hatte er sich auf einem Hausboot erschossen, bevor ihn die Polizei dort aufspüren konnten.

Mit Dank auch an Paul Z.