Das Verschwinden der Superpille

Als flüchtiger Leser könnte man glauben, Fehler würden auf „Spiegel Online“ immer vorbildlich transparent korrigiert. Der Eindruck täuscht.

Heute Vormittag erschien dort ein kurzer Artikel mit der Überschrift:

Arznei-Überdosis
Superpillen treibt Gesundheitskosten in die Höhe

(Aus „Superpillen“ ist inzwischen „Supermedizin“ geworden, nachdem Kommentatoren im „Spiegel Online“-Forum angemerkt hatten, dass die meisten Präparate, um die es geht, gar nicht in Pillenform verabreicht werden.)

Der Versuch, das komplexe Thema auf wenigen Zeilen zu behandeln, ist, gelinde gesagt, ambitioniert. Ein aktueller Anlass für das Stück ist nicht erkennbar — außer, dass es irgendwie zur Titelgeschichte „Überdosis Medizin“ des gedruckten „Spiegel“ passt.

Ausführlich behandelt wurde das Problem der extrem teuren Spezialpräparate, die auf neuartige Weise die Ursachen von Krankheiten behandeln sollen, aber schon in einer großen „Spiegel“-Geschichte im Mai 2010. Darin findet sich der Satz:

Nur ein einziges der neuen Präparate — das Medikament Glivec gegen chronische myeloische Leukämie — hat die Behandlung der Krankheit wirklich revolutioniert.

Das ist insofern bemerkenswert, als „Spiegel Online“ sich in seinem reduzierten Neuaufguss der Geschichte ausgerechnet Glivec als ein Beispiel dafür herausgegriffen hat, dass die neuen, teuren Präparate ihre „Überlegenheit gegenüber herkömmlichen Medikamenten noch gar nicht bewiesen“ hätten:

Sie haben futuristische Namen wie Glivec oder Humira. Darin klingt ein Versprechen mit: Es gibt Hoffnung. Deine Krankheit kann behandelt werden. Auch wenn sie noch so schwer oder selten ist. Auch dann noch, wenn konventionelle Arzneien versagen.

Glivec oder Humira gehören zu den sogenannten Spezialpräparaten. (…)

Das klingt wie ein Segen. Doch viele Experten begreifen es als Fluch. Denn die Spezialpräparate erhöhen die Kosten im Gesundheitssystem massiv. Bereits jetzt – obwohl ihre Überlegenheit gegenüber herkömmlichen Medikamenten noch gar nicht bewiesen ist.

Im „Spiegel Online“-Forum kritisierten mehrere Leser, dass Glivec wirklich kein gutes Beispiel für die zweifelhafte Wirksamkeit solcher Präparate sei. Offenbar sah man das dann auch in der Redaktion ein. Irgendwann am Nachmittag hat „Spiegel Online“ den Namen Glivec aus dem Artikel gestrichen und durch Avastin ersetzt.

Ohne jeden Hinweis, irgendeine Erklärung, Transparenz.

Nachtrag, 18.45 Uhr. Na sowas. Plötzlich geht’s:

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde als Beispiel für Spezialpräparate, deren Nutzen umstritten ist, unter anderem Glivec genannt. Glivec war allerdings herkömmlichen Therapien überlegen. Wir haben daher ein anderes Beispiel gewählt. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Mit Dank an Martin S.!