Vorzeitiger Mutmaßungserguss

Auf der Online-Hetzplattform „Politically Incorrect“ stand gestern naturgemäß schnell fest, wer hinter dem Bombenattentat in Oslo und dem Amoklauf auf der Insel Utøya steckt:

Warum bombt Islam ausgerechnet in Oslo? Sieben Tote sind bisher beim Anschlag in Oslo heute bestätigt. Zugegebenermaßen steht (21.40 Uhr) noch gar nicht fest, ob es der Islam war, der heute in Oslo und Umgebung gebombt und geschossen hat, aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch.

Doch die Islamhasser von „PI“ sind leider nicht die einzigen, die voreilig Islamisten hinter den Anschlägen vermuteten. Obwohl gestern abend – abgesehen von einigen obligatorischen Jubelmeldungen in irgendwelchen islamistischen Foren – nichts auf einen solchen Hintergrund hinwies, setzte ein beispielloses Mutmaßungswettrennen ein.

Als erstes spekulierte „Spiegel Online“ fröhlich drauf los:

Sollte es sich tatsächlich um einen Terroranschlag handeln, dürfte der Verdacht auf al-Qaida oder von dem Terrornetzwerk inspirierte Täter fallen. Die norwegischen Sicherheitsbehörden sind sich seit Jahren bewusst, dass das Land zum Ziel von Terroristen werden könnte; erst vor wenigen Wochen wurde die Einschätzung erneuert, dass Anschläge im Land möglich seien.

(…)

Wenn die Explosion vom Freitag tatsächlich auf al-Qaidas Konto geht, wäre es der erste Anschlag im Westen seit den Bomben in der Londoner U-Bahn 2005 – und der erste seit dem Tod Osama Bin Ladens. Noch hat sich jedoch niemand zu der Tat bekannt.

Nicht viel später erschien auf Welt.de dieser Artikel:

Terrorismus Drucken Bewerten Autor: Florian Flade| 22.07.2011 Norwegen ist Zielscheibe für Islamisten Al-Qaida und andere Terrror-Organisationen haben Norwegen längst ins Visier genommen. Schlüsselfigur könnte ein kurdischer Islamisten-Führer sein.

Als immer offensichtlicher wurde, dass wohl kein islamistischer Hintergrund vorlag, wurde der Artikel von der Welt.de-Startseite entfernt.

Bild.de fragte gestern um 19:58 Uhr zwar, was hinter dem Anschlag steckt, aber die möglichen Antworten drehten sich nur darum, wie der islamistische Hintergrund der Tat genau aussieht:

Terror in Skandinavien Was steckt hinter dem Terror-Anschlag in Oslo? Motiv-Suche: Norwegen ist an den Militär-Operationen in Afghanistan und Libyen beteiligt - Zeitungen haben die Mohammed-Karikaturen nachgedruckt

Dabei bemerkt Bild.de selbst, dass Norwegen nicht unbedingt als wahrscheinlichster Ort für einen islamistischen Anschlag in Frage kommt:

Norwegens Mitte-Links-Regierung von Regierungs-Chef Jens Stoltenberg setzt auf eine liberale Ausländerpolitik und einen Dialog mit muslimischen Zuwanderern.

Provozierende politische Entscheidungen, die Islamisten gereizt haben könnten, hat es in der jüngsten Vergangenheit nicht gegeben.

Bild.de kann die eigenen Bedenken dann aber doch zerstreuen:

Allerdings: Norwegen ist in der Nato und beteiligt sich an den Militär-Operation in Afghanistan und Libyen.

MOTIV AFGHANISTAN? (…) MOTIV LIBYEN? (…) MOTIV 9/11? (…) MOTIV KARIKATUREN?

oe24.at wartete gestern abend mit dieser Überschrift auf (man beachte die „doppelt spaßige“ Werbeeinblendung über „Terror in Oslo“):

Al-Qaida unter Verdacht

Zumindest die norwegischen Behörden äußerten zu keinem Zeitpunkt einen solchen Verdacht.

Und selbst in der gestrigen Tagesschau mutmaßt „ARD-Terrorismus-Experte“ Rainald Becker (ab 4:40):

Insgesamt spricht Vieles bei dem Anschlag in Oslo für einen islamistischen Hintergrund, eine Bestätigung dafür gibt es aber noch nicht.

Die „B.Z.“ wiederum behauptet sogar noch in ihrer heutigen Ausgabe, der Terror sei zurück in Europa:

Der Terror ist zurück in Europa

Diese Formulierung ergibt nur einen Sinn, wenn man den Angriff als Teil des internationalen (islamistischen) Terrorismus versteht.

Vielleicht sollten all die Terrorismus-Experten und Instinktjournalisten einmal den erhellenden Kommentar „Der Moslem war’s!“ auf derStandard.at lesen. Er endet mit diesen Worten:

Im Journalistenalltag entzieht man sich nicht leicht solchen Mechanismen: alle melden, dass es so ist, also muss nachgezogen werden. Die internationalpolitische Redaktion von derStandard.at entschließt sich, zu warten: die norwegischen Behörden und niemand anderer soll sagen, was Sache ist.

Am späten Abend wird diese Haltung bestätigt: Die norwegische Polizei gibt bekannt, internationale Zusammenhänge als Hintergrund für die Anschläge auszuschließen und bestätigt die Verhaftung eines Verdächtigen: ein Norweger, der sich im rechtsextremen Milieu bewegt.

Eine Überraschung sollte das nicht sein: von 249 Terroranschlägen in der EU im Jahr 2010 wurden lediglich drei von Islamisten begangen. Dass alle diejenigen, die bei jeder Gelegenheit Muslime als Schuldige für alles Schlechte in der Welt zur Hand haben, nun für einen Moment innehalten und ihre Vorurteile überdenken, das darf freilich bezweifelt werden.

Mit Dank auch an die vielen Hinweisgeber!

Nachtrag, 22:39 Uhr: Bereits gestern hat Manfred Schermer für den Online-Auftritt der „Fuldaer Zeitung“ einen unfassbaren Kommentar verfasst, in dem er behauptet, vieles würde auf einen islamistischen Hintergrund hindeuten. Er macht nicht nur die „liberale Ausländerpolitik und einen Dialog mit muslimischen Einwandern“ durch Norwegen als Ursache für den vermeintlich islamistischen Anschlag aus, sondern fordert auch gleich die Beschneidung von Freiheiten.

Mehr dazu bei Stefan Niggemeier: