Wie „Bild“ der Zigarettenlobby den Weg teerte


Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre war die Welt noch halbwegs in Ordnung. Die „Bild“-Zeitung hatte noch weit über vier Millionen Käufer, und man durfte ungestraft in der Öffentlichkeit rauchen.

Die „Bild“-Zeitung unter Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje, selbst Raucher, war damals ein Raucher-Blatt. Eine Nachricht wie „Passivrauchen schadet nicht“ (siehe Ausriss oben) brachte es im Februar 1990 zum „Thema des Tages“. Im Juni 1989 durfte „Zigaretten-Präsident“ Günter Wille via „Bild“-Zeitung „Bonn den Krieg“ erklären, Raucher zum Wahlboykott aufrufen (siehe Ausriss) und sich in einem längeren Interview mit Tiedje und einem Kollegen darüber echauffieren, dass „Bonn und die EG“ die Zigarettenhersteller dazu zwingen wollten, „künftig quer über jede Zigarettenschachtel eine Raucher-Warnung“ zu drucken. Wille, damals Vorsitzender des Verbandes der Cigarettenindustrie (VdC) und Chef von Philip Morris, sagte im Interview unwidersprochen:

„Die EG-Bürokraten wollen uns zwingen, den Raucher falsch zu informieren. Wir sollen in unserer Werbung behaupten, daß Tabakgenuß zwangsläufig zu bestimmten Krankheiten führt. Das ist Unsinn! (…) Wir werden uns an der Verbreitung staatlich formulierter Lügen nicht beteiligen.“

Wie die Zigarettenindustrie dann ein Ende 1990 von der Lufthansa geplantes Rauchverbot auf Inlandsflügen zu verhindern suchte, zeigt ein Dokument von Philipp Morris (pdf) eindrucksvoll, über das die „FAZ“ heute unter der Überschrift „Das Netzwerk der Zigarettenindustrie“ berichtet:

Bei dem Dokument handelt es sich um den Text zu einer Präsentation. Darin wird deutlich gemacht, dass die Herausforderung für die Zigarettenindustrie geheißen habe: „Killt das Verbot!“ („Kill the ban!“). (…) Auch die Medien spielten seinerzeit bei der Torpedierung dieser Maßnahme offenbar eine wichtige Rolle. In dem Dokument von Philip Morris heißt es: „Wegen guter Beziehungen zum Chefredakteur (der Bild-Zeitung) sorgten wir dafür, dass die Bild-Zeitung unsere Kampagne gegen die Kranich-Linie (Lufthansa) begleitete.“

Wie diese Begleitung konkret aussah, wird in der Präsentation detailliert beschrieben:

Fünf Tage nach der Ankündigung des Rauchverbots forderte die „Erste Raucher Lobby“, eine Basisorganisation von rund 3.500 Rauchern in Deutschland, die Lufthansa zu boykottieren. Wieder widmete die „Bild“-Zeitung diesem Ereignis die Titelseite (…).


In einem Kommentar in derselben Ausgabe unterstützte einer der führenden Kolumnisten von „Bild“ die Position der Raucher, indem er die medizinische Argumentation, mit der die Lufthansa das Verbot verteidigte, kritisierte. (…)

Die nächste Ausweitung kam mit der Veröffentlichung einer Umfrage unter Lufthansa-Passagieren durch das angesehen Meinungsforschungsinstitut „infas“. Diese offenbarte, dass nicht 90 Prozent [der Passagiere], wie Lufthansa behauptete, sondern nur 30 Prozent für das Verbot waren. (…) Die „Bild“-Zeitung machte daraus eine Geschichte auf der Titelseite mit der Überschrift: „Raucherlüge der Lufthansa“. (…)

Dann veröffentlichte die „Bild“-Zeitung eine spektakuläre Titelgeschichte: „Lufthansa droht: Raucher in Handschellen“. (…) Dies war so etwas wie der Wendepunkt in der öffentlichen Debatte. Die Leute waren der Meinung, das sei nicht mehr erträglich.


Das Verbot wurde sogar Party-Gespräch. Auf einer Hochzeitsfeier der High Society prahlte ein Vorstand der konkurrierenden Fluglinie LTU, dass in seinen Flugzeugen das Rauchen erlaubt sei. Wiederum wurde diese Aussage zur Überschrift eines Party-Reports der „Bild“-Zeitung. (…)

Kurz vor dem „B-Day“ [der Tag an dem das Verbot in Kraft treten sollte] führte die „Bild“-Zeitung einen weiteren Schlag gegen die Lufthansa mit einer Titelgeschichte über die schlechte wirtschaftliche Lage: „Sturzflug ins Millionen-Loch – aber trotzdem Rauchverbot“, lautete die Überschrift. Der Artikel handelte von den Verlusten der Lufthansa und erklärte diese hauptsächlich mit dem schlechten Service und der Bedienung. Als wichtigstes Beispiel für den schlechten Service nannte er das Rauchverbot. (…)


Dann endlich, eine Woche bevor das Verbot in Kraft treten sollte, gab die Lufthansa auf. In einer Pressemeldung kündigte die Fluglinie an, sie habe ihre ursprüngliche Entscheidung rückgängig gemacht. (…) Die „Bild“-Zeitung schrieb in einem Kommentar: „Lasst uns die Friedenspfeife rauchen!“

Der Axel Springer Verlag bestritt der „FAZ“ gegenüber, dass die Zigarettenindustrie und insbesondere Philipp Morris Einfluss auf die Berichterstattung in der „Bild“-Zeitung genommen habe.

P.S.: Günter Wille, damals Philipp-Morris-Chef und Vorsitzender des Verbandes der Cigarettenindustrie, wechselte übrigens Anfang September, als die Kampagne gegen das Rauchverbot gerade so richtig an Fahrt gewann, zum Axel Springer Verlag, wo er am 1. Juli 1991 Vorstandsvorsitzender wurde.