„Bild“ (er)findet „heiße Spur“ im Fall Michelle

Vier Tage ist es her, dass die Leiche der 8-jährigen Michelle aus Leipzig gefunden wurde. Und die Polizei weiß noch nicht, wer Michelle getötet hat. Für die „Bild“-Zeitung ist das offenbar ein unerträglicher Zustand.

Schon am vergangenen Samstag berichtete sie, die Polizei habe eine „1. heiße Spur“. „Bild“ veröffentlichte auf der Titelseite das Phantombild eines Mannes, nach dem die Polizei angeblich „fahndet“ und schrieb groß darüber:

"Michelle († 8): Ist das ihr Mörder?"

„Bild“ sparte auch nicht mit Details, die sie aus „Ermittlerkreisen“ erfahren haben wollte. „Zwischen Michelle und ihrem Killer“ habe es „einen Kampf“ gegeben, schrieb „Bild“. „Haarbüschel“ seien gefunden worden, und Michelle habe „blaue Flecken am Körper“.

Gestern verhängte die Polizei eine Nachrichtensperre, weil in den Medien über sogenanntes „Täterwissen“ berichtet wurde. Dazu gehört unter anderem, dass blaue Flecken am Körper des Mädchens gefunden worden seien, und dass es einen Kampf gegeben habe, wie uns ein Polizeisprecher sagt. Beides bestätigt die Polizei nach wie vor nicht. Dass Haarbüschel gefunden wurden hingegen schon.

Die „Bild“-Zeitung indes behauptet heute im Wesentlichen noch einmal als Tatsache, was sie schon am Samstag behauptet hatte und was nach wie vor unbestätigt ist. „Michelle kämpfte mit ihrem Killer“ lautet die Überschrift und im Text heißt es erneut:

Es ist eine erste heiße Spur auf der Suche nach dem Mörder der kleinen Michelle († 8)!

Und wieder zeigt „Bild“ auch das Phantombild, das sie bereits am Samstag auf der Titelseite druckte. „Das Fahndungsfoto der Polizei“ steht darunter (siehe Ausriss).

Während man jedoch dem „Bild“-Artikel vom Samstag noch entnehmen konnte, dass das Phantombild eigentlich von einem anderen Fall stammt und bereits vier Monate alt ist, fehlt in der „Bild“ von heute jeglicher Hinweis darauf. Dabei hatte die Polizei nach der ersten Veröffentlichung am Samstag ausdrücklich klargestellt, dass das Phantombild nicht aktuell von der Sonderkommission Michelle erstellt worden sei und lediglich ein Anhaltspunkt unter vielen sei (siehe Kasten).

Das Phantombild:

„Ein Polizeisprecher dementierte am Samstag Informationen der ‚Bild‘-Zeitung, dass sie eine heiße Spur von dem Täter habe. Die Zeitung hat das Phantombild eines Mannes veröffentlicht (…).“
(AP vom 23.8.2008.)

„Eine heiße Spur gebe es jedoch nicht, sagte Polizeisprecher Uwe Voigt. Damit wies er einen Bericht der ‚Bild‘-Zeitung zurück, die in ihrer Samstagsausgabe ein Phantombild eines Mannes veröffentlicht hatte.“
(dpa vom 23.8.2008.)

„Auch ein Mann, der vor vier Monaten ein elfjähriges Mädchen in der Gegend belästigte und von dem es ein Phantombild gibt, stehe nicht konkret unter Verdacht.“
(dpa vom 23.8.2008.)

„Ein Polizeisprecher hatte am Samstag klargestellt, ein von einer großen Zeitung veröffentlichtes Phantombild sei nicht aktuell von der Sonderkommission Michelle erstellt worden.“
(AFP vom 24.8.2008.)

Daran hat sich bis heute nichts geändert, wie uns ein Polizeisprecher bestätigt. Dass die Polizei nach dem Mann auf dem Phantombild fahnde, sei falsch. Vielmehr gehe man allen Hinweisen nach, auch denen, die sich auf die Veröffentlichung des Phantombildes in „Bild“ beziehen. „Wir fahnden nach allem möglichen“, so der Polizeisprecher, es gebe nach wie vor „keine heiße Spur“.

Sagen wir es so: Die Polizei ermittelt in alle Richtungen. Die „Bild“-Zeitung hat sich weitgehend festgelegt.

P.S.: Weil es so gut passt, hier einige Passagen aus einer Meldung der Nachrichtenagentur AP von heute morgen:

Bei der Suche nach dem Mörder der achtjährigen Michelle aus Leipzig hat die Polizei noch immer keine heiße Spur. Es gebe fast stündlich neue Hinweise, der entscheidende sei aber noch nicht dabei gewesen, sagte ein Polizeisprecher am Montag der AP. „Es gibt absolut nichts Neues.“ (…) Der Sprecher dämpfte zugleich Hoffnungen auf einen schnellen Fahndungserfolg. „Zu glauben, wir sind in wenigen Tagen mit der Überprüfung aller Spuren und Hinweise durch, ist nicht realistisch.“ Die Polizei müsse und werde gründlich und akribisch vorgehen, fügte er hinzu. „Schnellschüsse sind dabei wenig hilfreich.“

Mit Dank an Stephan L.