„Bild“ schreibt Rechtschreibreform wieder mit Schl

Wegen Rechtschreibreform machen Schüler mehr Fehler

Der erste Satz des Artikels von der gestrigen „Bild“-Titelseite ist ein Rückfall in alte Zeiten.

Die 2005 verbindlich eingeführte „Schlechtschreibreform“ hat den Schülern das Leben nicht leichter gemacht, sondern schwerer!

„Schlechtschreibreform“ hatte „Bild“ die Rechtschreibreform zwischen 2004 und 2006 genannt — also in dem Zeitraum, in dem sie die Änderungen, die sie 1997 begrüßt und 1998 selbst übernommen hatte, massiv und vergeblich bekämpfte und zeitweise sogar zur alten Rechtschreibung zurückkehrte.

Doch so ein Kulturkampf hinterlässt Spuren. Und wenn wegen einer solchen Reform nun die Schüler tatsächlich mehr Fehler machen als vorher, war sie sicher mehr schlecht als recht.

„Bild“-Redakteur Hans-Jörg Vehlewald bezieht sich auf die Forschungsgruppe Deutsche Sprache (FDS), die er immerhin zu Recht „reformkritisch“ nennt, und schreibt:

Die Fehlerquote in Aufsätzen und Diktaten hat sich teilweise massiv erhöht. So stieg die Zahl falsch geschriebener Wörter in Aufsätzen (4. Klasse) um 80 %, in Diktaten der Unterstufe (Gymnasium) um 110 %, in Abituraufsätzen sogar um 120 % im Vergleich zu früheren Jahrgängen.

Die Fehlerzahl bei s-Lauten habe sich etwa verdoppelt, so die Auswertung vorliegender Studien. Bei Groß- und Kleinschreibung sei die Fehlerquote gar um 176 % angestiegen.

Das sind große Prozentzahlen — eindrucksvoll und ohne jede Aussagekraft, wenn man nicht dazu schreibt, worauf sie sich beziehen. Der Preis der „Bild“-Zeitung zum Beispiel ist um 566 Prozent gestiegen! (Verglichen mit 1965.) Was „Bild“ nur als „frühere Jahrgänge“ verbrämt, ist in Wahrheit entscheidend: Bei den Diktaten der Unterstufe handelt es sich konkret um die Jahre 1970/1972. Und um festzustellen, dass die Zahl falsch geschriebener Wörter in Abituraufsätzen „sogar um 120 %“ gestiegen ist, hat die „Studie“ deutsche Zahlen von 2000-2002 mit Schweizer Zahlen von 1962-1978 verglichen.

Der Linguist Anatol Stefanowitsch weist im FDS-kritischen Bremer Sprachblog darauf hin, dass es in den siebziger Jahren radikale Reformen im Deutschunterricht gab, die einen „drastischeren Einschnitt“ in die Ausbildung von Schülern darstellte als die sogenannte Rechtschreibreform, und urteilt:

Es gibt deshalb keinen Grund anzunehmen, dass die Unterschiede bei den Fehlerquoten in Schülerdiktaten von damals und heute irgendetwas mit der Rechtschreibreform zu tun haben. Genausogut könnte man die Unterschiede auf die Ölkrise 1973, den Boykott der Olympischen Spiele in Moskau 1980, den Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1990 oder Roman Herzogs „Ruck“-Rede 1997 zurückführen.

Die Forschungsgruppe Deutsche Sprache selbst hat sich alle Mühe gegeben, diese Lücken in ihrer Argumentation zu verschleiern. Aber sowohl aus der am Montag veröffentlichten Kurzfassung der Studien, die offenbar die Grundlage für den „Bild“-Artikel ist, als auch aus einem Vortragsmanuskript ihres Autors Uwe Grund [pdf] hätte „Bild“-Redakteur Vehlewald erkennen können, dass seine Aussage „Wegen Rechtschreibreform machen Schüler mehr Fehler“ nicht gedeckt ist.

Er hätte es natürlich wollen müssen.