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Mixvorlagen

Soviel ist klar: Wenn sich der deutsche Journalist nach einem harten Tag aus der Redaktion schleppt, um woanders weiterzutrinken, dann bestellt er kein Feierabendbier, sondern einen Aperol.

Vor fast zwei Jahren stimmte die „Welt am Sonntag“ ein Loblied auf das „modische Getränk“ an, für das „Welt online“ vom Deutschen Presserat gerügt wurde.

Im Januar porträtierte die „Berliner Zeitung“ ein Männer-Model, in dessen Glas „ein paar Eiswürfel zwischen Prosecco und Aperol“ schimmerten. Nur eine Woche später fand sich in einer Restaurantkritik genug Raum, ein bisschen ins Detail zu gehen:

Bei einem Prosecco con Aperol (4,50 Euro) schmieden wir Urlaubspläne und studieren die wahre Machart dieses auch als „Aperol Spritz“ bekannten Getränkes: Verfeinert wird es mit einer Orangenscheibe, nicht mit Zitrone, wie es mir eine Frevlerin kürzlich weismachen wollte.

Als die „Hamburger Morgenpost“ im März bei 6 Grad den Frühling herbeischreiben wollte, zitierte sie eine 27-jährige Marketing-Managerin aus Winterhude, die ihren freien Tag mit Freundinnen an der Alster genoss:

„Ich habe schon den ganzen Tag Frühlingsgefühle. Die Sonne und der Blick auf die Alster sind doch einfach großartig“, schwärmt die junge Frau und freut sich auf einen Aperol mit Spritz.

Die „Süddeutsche Zeitung“ notierte, als sie den wissenschaftlichen Vorstand der Stiftung Männergesundheit traf, dass sich dieser „erst mal einen Prosecco Aperol“ bestellt habe. Im April berichtete die „taz“ einigermaßen unnötigerweise, dass sich eine Gruppe von Speeddating-Teilnehmern „an einem Glas Aperol-Prosecco“ festhielt, und die „Berliner Morgenpost“ erklärte anlässlich einer Leserreise nach Verona, welchen Aperitif man dort am Besten bestelle:

Aperol Spritz, will man sich mit der Nummer eins der venezianischen Pop-Kultur in das abendlich kunterbunte Treiben der Veroneser nahtlos einreihen.

Das „SZ Magazin“ nannte am 29. April unter den 99 Gründen, warum wir uns auf den Sommer freuen, als Nummer 85 „Aperol Sprizz“ und schaffte es im selben Heft, in einer kurzen Hotelempfehlung gleich zweimal aufzuzählen, worauf es besonders ankommt:

Das Zimmer war großzügig geschnitten und der Aperol Sprizz an der Bar genau richtig. (…)

Also, der Tipp für den Sommer: Erst in den Pool springen, dann den guten Aperol Sprizz an der Bar trinken.

Erst zwei Wochen zuvor hatte das „SZ-Magazin“ in einer anderen Hotelkritik geschwärmt, dass „der Aperol Sprizz“ „nicht nur gut zur Farbe des Lichtes passt, sondern auch zur Fassade der Hotellegende gegenüber“.

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hielt sich bei ihrer Meldung über den Umsatz des Aperol-Mutterhauses Campari zwar vornehm zurück, bezeichnete das 15-Prozent-Getränk aber irrtümlicherweise als „alkoholfreien Aperiti (sic!)“.

Doch das ist alles nichts, verglichen mit dem Artikel im aktuellen „Stern“:

Schon im Vorspann heißt es, Deutschland berausche sich an Aperol, und dass zumindest der Autor des Artikels berauscht war, daran kann kein Zweifel bestehen:

Eiswürfel im Glas kühlen das Getränk und lassen es funkeln, Sodawasser setzt den Alkoholgehalt ein wenig herab, weshalb man glaubt, nach dem ersten gleich ein zweites Glas trinken zu können. Und weil es dann eh schon zu spät ist, nimmt man noch ein drittes.

Auch wenn „jede Liese“ den Drink anrühren könne, hat der „Stern“ lieber einen Fachmann befragt: den Münchner Mixer Mauro Mahjoub, der lustigerweise auch noch gleich an der „Campari Academy“ „Barleute und Kneipiers in der Kunst der Mixgetränke“ schult.

Und darüber sollte man keine Witze machen:

Über den Bildungswert der dort agierenden „Campari Academy“ ließe sich ähnlich lästern wie darüber, dass sich Cocktail-Schüttler neuerdings „Mixologen“ nennen. Ein Fehler: Wer je versucht hat, aus Tausenden von Spirituosen, Säften und Essenzen einen mehr als nur trinkbaren Cocktail zu mixen, lacht nicht mehr. Es ist eine Kunst.

Keine Kunst und noch weniger Journalismus ist das, was der Autor über den „gefälligen Geschmack“ von Aperol zu berichten weiß:

Mit den Zitrusnoten der Orange, den Bitterstoffen des Enzians und der herben Frucht des Rhabarbers — zuzüglich weiterer „geheimer“ Kräuterauszüge und ordentlich Zucker — ist Aperol ganz einfach lecker.

Als dem „Stern“ die Schwärmereien auszugehen drohen, lässt er einfach noch mal den Experten von der „Campari Academy“ zu Wort kommen:

„Aperol ist einer der wenigen Liköre, die sich mit fast jedem Produkt mischen lassen, außer mit Milch und Sahne. Alles kannst du damit mixen: Whisky, Tequila, Wodka, Rum, Wermut, alles macht Aperol schön und rund.“ Sagt Mahjoub.

Als Journalist kann man sich ja auch mal auf das Nötigste, also die Anmoderation der Werbetexte, beschränken:

Für die heimische Terrasse empfiehlt Barmann Mahjoub eine Bowle: „Früchte, zum Beispiel Erdbeeren, in Aperol, Maraschino und etwas trockenem Wermut eine Stunde marinieren. Für Erwachsene mit Prosecco, für weniger Erwachsene mit Sprite oder 7 Up auffüllen. Köstlich.“