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Heute (endlich) anonym XVIII

Im Fall der „Todesmutter von Darry“ hat sich „Bild“ offensichtlich entschieden, Vater und Mutter der getöteten Kinder zu anonymisieren:

Pressekodex:

„Liegen Anhaltspunkte für eine mögliche Schuldunfähigkeit eines Täters oder Tatverdächtigen vor, sollen Namensnennung und Abbildung unterbleiben.“

„Bild“:

„Die Mutter (…) befindet sich wegen schwerer psychischer Störungen in einer geschlossenen Anstalt.“

Bild.de:

„[Die Mutter] gilt als schuldunfähig. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die 32-Jährige bei der Begehung der Taten ‚infolge einer krankhaften seelischen Störung unfähig war, das Unrecht ihrer Taten einzusehen'“.

Das ist, vor allem was die Mutter angeht, zwar eigentlich nicht der Rede wert, sondern im Pressekodex sogar vorgeschrieben (siehe Kasten), aber dann doch erstaunlich, weil „Bild“ und Bild.de die Mutter in der Vergangenheit schon wiederholt ohne Unkenntlichmachung gezeigt haben und der Vater selbst sogar mit vollem Namen im Fernsehen aufgetreten ist.

Doch es sieht so aus, als habe „Bild“ heute tatsächlich dafür Sorge tragen wollen, dass Mutter und Vater zumindest für „Bild“-Leser nicht ohne weiteres identifizierbar sind. Und auch Bild.de hat sich entschieden, in der Übernahme des „Bild“-Berichts weitere Fotos, die ein „Bild“-Fotograf während der Exhumierung der Kinder geschossen hat, nachträglich so zu bearbeiten, dass auch auf den Grabsteinen der Kinder der Nachname der K.s nicht erkennbar ist:

Das alles ist erfahrungsgemäß für „Bild“ ein bemerkenswerter Aufwand. Er ist nur leider völlig bedeutungslos.

Denn die „Bild“-Zeitung weist in ihrem heutigen „Todesmutter“-Artikel auf ein „aktuelles Video zum Fall“ bei Bild.de hin, das dort seit gestern anzuschauen ist. Anders als auf den Fotos jedoch war bis heute Nachmittag* in mehreren Sequenzen des Videos der Nachname auf den Grabsteinen problemlos zu entziffern:

*) Rund 24 Stunden lang war das mangelhaft anonymisierte Video online. Und das, obwohl die Redaktion (nach einem Hinweis von BILDblog) bereits kurze Zeit nach der Veröffentlichung von der „Bild“-Pressestelle über die Anonymisierungslücke informiert worden war, wie uns die „Bild“-Pressestelle mitteilte. Handlungsbedarf sahen die Verantwortlichen aber offenbar zunächst nicht: Erst nach weiteren Anfragen unsererseits wurden die Namen auf den Grabsteinen nun auch im Video verpixelt.