Fest-geklitterte „Zeit“-Geschichte

Nicolaus Fest, Mitglied der „Bild“-Chefredaktion, hat sich über einen Artikel in der „Zeit“ geärgert. Das kommt in den besten Familien vor, und zum Glück hat Fest ja eine Kolumne auf Bild.de, in der er seinem Ärger gründlich Luft machen kann. Soweit, so unspektakulär.

Das Bemerkenswerte aber ist, dass es gleich zwei Möglichkeiten gegeben hätte, wie der Ärger von Nicolaus Fest zu vermeiden gewesen wäre. Erstens, wenn die „Zeit“ nicht diesen Artikel geschrieben hätte. Zweitens, wenn Nicolaus Fest ihn verstanden hätte.

Fest zitiert aus dem „Zeit“-Artikel von Christoph Dieckmann:

„Gysis größtes Verdienst betrifft die deutsche Einheit. Es ist ihm maßgeblich zu verdanken, dass eine enorme Menge der staatsnahen DDR-Bevölkerung sich zur parlamentarischen Demokratie überreden ließ.“

Und kommentiert:

Aha. So war das also. Die Demonstranten in Leipzig, Dresden und Ost-Berlin wollten zunächst gar nicht die parlamentarische Demokratie, wollten kein selbst bestimmtes, ungegängeltes „Leben der Anderen“.

In Wahrheit waren sie, trotz „Wir sind ein Volk“ und der überragenden Zustimmung zum Beitritt, im November 1989 gar nicht sicher, ob sie ihre verfallenden Städte, die Fürsorge der Stasi und die Bruderschaft mit den russischen Besatzungstruppen tatsächlich gegen Reise- und Meinungsfreiheit, D-Mark und Rechtstaatlichkeit eintauschen sollten.

Lange schwankten sie, ob sie wirklich Begrüßungsgeld nehmen, ob sie Golf statt Trabi fahren, ob sie das Grau ihrer Häuser wie ihres staatlich überwachten Lebens den Billionensubventionen der alten Bundesländer opfern sollten.

Er hat sich richtig in Rage geschrieben. Nur: Er hat nicht gemerkt, dass die „Zeit“ gar nicht behauptet, Gysi habe das Volk in der DDR zur parlamentarischen Demokratie überredet. Die „Zeit“ schreibt, Gysi habe einen großen Teil „der staatsnahen DDR-Bevölkerung“ überredet. Sie spricht ausdrücklich von den SED-Mitgliedern und „Armee, Polizei, Geheimdienst“. Auf sie bezieht sich die Formulierung vom „überreden“.

Aber vielleicht hat Nicolaus „Hieb und Stich“ Fest das gar nicht missverstanden, sondern missverstehen wollen. Denn als nächstes schreibt er über die DDR-Bürger:

Doch dann wurde ihnen, so Dieckmann, „im Dezember 1989, kurz vor Mitternacht, ein kurioser Heiland geboren“ — Gregor Gysi.

Da hat Fest den Anfang des Satzes weggelassen. Weglassen müssen, denn sonst wäre aufgefallen, worauf sich die „Heiland“-Formulierung wirklich bezieht:

Die SED hatte vor der Wende 2,3 Millionen. Sie befehligte noch Armee, Polizei, Geheimdienst, als ihr im Dezember 1989, kurz vor Mitternacht, ein kurioser Heiland geboren wurde. Nur in tiefster Krise konnte dieser intellektuelle Entertainer Honecker und Krenz beerben.

Dieckmann behauptet nicht, dass Gysi der Erlöser für die DDR-Bürger war. Dieckmann behauptet, dass Gysi der Erlöser für die SED war — und begründet das u.a. damit, dass er „der PDS gewordenen SED [half], ihr Parteivermögen zu retten“ und dank seiner „die PDS am 18. März 1990 bei den freien Wahlen 16,3 Prozent“ erreichte.

Gegen Schluss schreibt Fest:

Irgendwann, so sagen Ältere, war DIE ZEIT mal eine ernst zu nehmende Zeitung.

Das Problem hat er bei seiner Zeitung natürlich nicht.