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Dicke Schamlippe riskiert

Drogen! Korrupte Bullen! Schamlippen!

Bei einem angeblichen „Drogen-Skandal im Polizeipräsidium“ waren zwei „Bild“-Redakteure derart in ihrem Element und dazu auch noch so urteilsschnell, dass man sich fragt, warum überhaupt noch ermittelt wird.

Bereits die Überschrift lässt eigentlich keinen Zweifel daran, dass die Schuldigen bereits überführt sind:

Mainzer Polizisten klauen Rauschgift und Geld aus Asservatenkammer: Drogen-Skandal im Polizei-Präsidium

„Bild“ spart nicht an Superlativen, Ausrufezeichen und Vorwürfen:

Es ist DER absolute Sicherheits-Gau, ein Polizei-Skandal unfassbaren Ausmaßes! Im Mainzer Polizeipräsidium sollen Ermittler Drogen und Geld aus der Asservatenkammer geklaut haben! Um sich zu bereichern – und den Stoff zu konsumieren!

Doch die Situation stellt sich dann doch deutlich anders dar, wie die „Rhein-Zeitung“ heute schreibt:

Wenn bei der Polizei 1200 Euro und ein Tütchen mit Aufputschmitteln verschwinden, ist das sicherlich eine ernste Sache.

Fünf Kamerateams und ein Dutzend Zeitungs- und Rundfunkreporter strömen deshalb noch lange nicht ins Präsidium. Dafür muss schon der Boulevard mit einem „Drogen-Skandal“ titeln, gewürzt mit Details tief im Schambereich der Betroffenen. Das füllt die eiligst anberaumte Pressekonferenz, bei der der Leitende Oberstaatsanwalt Klaus-Peter Mieth versichert: Der Artikel in der „Bild“-Zeitung sei „relativ wenig zutreffend“.

Dabei schien „Bild“ doch so genau Bescheid zu wissen. Oder zumindest irgendwelche „Informationen“ aufgespürt zu haben, inklusive der „Details tief im Schambereich“:

Nach BILD-Informationen sollen die Polizisten Heroin, Kokain, Amphetamin, Hasch und Geld geklaut haben! Unglaublich: Die Polizistin soll Heroin selbst konsumiert haben, es sich in die Schamlippen gespritzt haben – um Einstichspuren an den Armvenen zu vermeiden.

Bei der Pressekonferenz stellen Oberstaatsanwalt und Polizeipräsident klar:

Drogen sind außer den 116 Gramm Amphetamin auch nicht verschwunden. Kein Heroin, kein Kokain, wie „Bild“ behauptet hat.

Und das Spiel geht so weiter. „Bild“ behauptete:

Die drei Beamten wurden nach Polizeiangaben an einen anderen Arbeitsplatz versetzt. Die Polizistin wurde in die Psychiatrie der Rheinhessen-Klinik eingewiesen.

Oberstaatsanwalt und Polizeipräsident sagen laut „Rhein-Zeitung“:

Zwar werde ermittelt, aber gegen unbekannt.

Vier Beamte seien im Fokus, aber eben nur deshalb, weil gerade sie Zugang zu der Asservatenkammer des Präsidiums haben. Suspendiert ist keiner, er habe die drei hauptamtlichen Mitarbeiter der Asservatenkammer „aus Fürsorgegründen“ in andere „Verwendungen“ innerhalb der Kriminaldirektion geschickt. (…)

Es wurde auch keine Beamtin in die Nervenklinik „eingewiesen“. Vielmehr habe die stationäre Behandlung der Frau schon begonnen, bevor Geld und Drogen überhaupt vermisst wurden.

„Bild“:

Alle 3 erwartet ein Strafverfahren, der Ausschluss aus dem Polizeidienst sowie der Verlust der Beamtenpension.

Dabei ist nach derzeitigem Stand noch nicht einmal sicher, ob überhaupt Drogen verschwunden sind. Der Oberstaatsanwalt gegenüber „Spiegel Online“:

Zum verschwundenen Amphetamin sagte Mieth, er gehe nicht zwingend von einem Diebstahl aus. „Es ist aus meiner Sicht nicht ausgeschlossen, dass das Material tatsächlich zu uns gelangt ist.“ Im täglichen Dienst geschehe es immer wieder, dass Asservate bei ihrem Weg in andere Behörden falsch zugeordnet würden.

Egal, zu welchem Ergebnis die Ermittlungen führen, einen Skandal gibt es tatsächlich schon jetzt: die reißerische und vorverurteilende Berichterstattung von „Bild“.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!