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Reine Willkür

Die „Bild“-Zeitung glaubt, dass die ARD-Talkshow „Anne Will“ schlechte Quoten hat. Vielleicht will die „Bild“-Zeitung auch nur glauben machen, dass die ARD-Talkshow „Anne Will“ schlechte Quoten hat. Denn um das zu belegen, sind einige Verrenkungen nötig. „Bild“ schreibt heute:

Seit September 2007 moderiert Anne Will (42) jeden Sonntag um 21.45 Uhr ihre ARD-Polit-Talkshow. Doch die Quoten sind schwach, schon bei der zweiten Sendung schalteten nur noch 3,26 Millionen Zuschauer ein (Vorgängerin Sabine Christiansen holte fast 5 Mio.).

Aha: „Bild“ vergleicht die zweite Sendung von Anne Will mit irgendeiner Sendung von „Sabine Christiansen“. Die Zeitung hätte nur die dritte Sendung von Anne Will nehmen müssen, um zu einem ganz anderen Ergebnis zu kommen: Da hatte „Anne Will“ nämlich 5,86 Millionen Zuschauer.

Tatsache ist: Im Schnitt aller Sendungen hatte „Anne Will“ bessere Quoten als „Sabine Christiansen“ in ihrer letzten Saison.

Aber „Bild“ hat noch einen anderen Vergleich:

Wills Quoten schwächeln, Plasberg begeistert hingegen mit seinem Talk [„Hart aber fair“] am späten Mittwochabend mit spannenden Gesprächen und tollen Gäste.

Wen Plasberg so begeistert, sagt „Bild“ nicht, es ist auch schwer zu sagen. Die Zuschauer eher nicht — jedenfalls nicht, wenn man nach ihrem Einschaltverhalten urteilt. Anne Will hat deutlich höhere Zuschauerzahlen als Plasberg, und das nicht nur absolut gerechnet (wobei Anne Will der Sendeplatz am Sonntagabend zugute kommt, wenn ohnehin besonders viele Menschen fernsehen), sondern auch beim Marktanteil (dem Anteil derjenigen Zuschauer, die eine Sendung sehen, von allen, die zu der jeweiligen Zeit den Fernseher eingeschaltet haben).

Konkret:

Sendung Zuschauer  Marktanteil 
Anne Will 4,00 Mio. 13,8 %
Hart aber fair 3,24 Mio. 12,8 %
Sabine Christiansen*  3,78 Mio. 13,3 %

*) Saison 2006/2007

Und das ist noch nicht alles. „Bild“ zitiert gleich zweimal aus einem Bericht des aktuellen „Focus“, der den Anlass für die „Bild“-Verrechnungen bildet:

  • [Anne] Will fühlt sich durch die Vorgehensweise vom Sender ungerecht behandelt. Dem „Focus“ sagte sie: „Es geht nicht um konstruktive Kritik, sondern darum, mir zu schaden.“
  • Änderungspläne gibt es bei der ARD offenbar schon! Programmdirektor Günter Struve (68) zum „Focus“: „Es wird eine Lösung im Sommer geben, weil es sie geben muss!“

Das Will-Zitat stammt jedoch nicht aus dem „Focus“, sondern aus einem einen Monat alten „FAZ“-Interview — und so steht’s auch im „Focus“ selbst („… klagte sie der FAZ“).

Das Struve-Zitat indes stammt nicht nur nicht aus dem „Focus“ (und steht so auch nicht da), sondern aus einer Pressekonferenz zur ARD-Hauptversammlung vor zwei Wochen — und betrifft im Kern sogar nicht einmal Anne Will. Struves „Lösung“ bezog sich vielmehr auf die uneinheitlichen Anfangszeiten der „Tagesthemen“.

Und dass der ARD-Vorsitzende Fritz Raff den „Focus“-Bericht, auf den sich „Bild“ beruft, scharf dementiert hat, fand „Bild“ nicht einmal erwähnenswert.