Ganz Alberne Unsitte

Wer gleich jedes Wort auf die Goldwaage legt, dürfte in den letzten Wochen kaum noch zum Arbeiten, Essen und Schlafen gekommen sein. Seit im japanischen Atomkraftwerk Fukushima in Folge eines Erdbebens und eines Tsunamis die Kühlsysteme ausgefallen sind und auch die Betreibergesellschaft offenbar nicht weiß, was in ihren Reaktoren vor sich geht, ist bei den deutschen Medien eine Art Metaphern-Weitwurf ausgebrochen.

Vorläufiger Höhepunkt war wohl die „Bild“-Titelseite vom Montag:

Die Atom-Wahlen: Grüne Strahlen! CDU-Mappus abgeschaltet. SPD-Beck runtergefahren. FDP vom Netz. 1. grüner Ministerpräsident glüht vor Glück.

Doch auch andere Zeitungen schrieben auf ihren Titelseiten vom „Wahl-GAU“, wie der Mediendienst DWDL.de dokumentiert.

Während Formulierungen wie „Das schlug ein wie ein Verkehrsflugzeug“ auch fast zehn Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 noch von jedem Redakteur gestrichen werden dürften und Radiohörer nach dem Tsunami vom Dezember 2004 empört bei jenen Sendern anriefen, die Julis „Perfekte Welle“ noch nicht aus dem Programm genommen hatten, scheinen sich die Ereignisse in Japan, die immer noch anhalten und deren Ausmaß nicht abzusehen ist, jetzt schon hervorragend als Bildspender zu eignen.

Die „F.A.Z.“ veröffentlichte am Dienstag einen Artikel, in dem Mit-Herausgeber Berthold Kohler nur marginal bemüht vom „Restrisiko“ eines grünen Ministerpräsidenten, dem „als absolut sicher gerühmten Politikreaktor Baden-Württemberg I“ und vom „Abklingen“ des „politischen Ausnahmezustands“ fabulierte. Frank Patalong, der bei „Spiegel Online“ ausführlich die Vorzüge von Echtzeit-Medien gegenüber den Print-Erzeugnissen preisen durfte, schrieb:

Aus Perspektive der gedruckten Presse war das Timing der Katastrophenserie von Japan somit eine Art Doppel-GAU.

Die „taz“ zeigte darüber hinaus besondere Fähigkeiten im Spagat der Uneigentlichkeit:

Wäre der Vergleich nicht etwas unfein, ließe sich sagen: Der FDP ergeht es derzeit wie einem havarierenden Atomreaktor.

So beginnt ein Artikel, über dem folgende Überschrift prangt:

Führungsdebatte gerät außer Kontrolle: FDP droht Kernschmelze

Das alles fällt womöglich noch unter „Wortklauberei“. Spezieller ist da schon der „Nürnberger Stadtanzeiger“, der einen Mann, der gegen Hundehaufen im Stadtbild kämpft, ernsthaft fragt:

Die Welt hofft dieser Tage, dass sich die radioaktive Strahlenbelastung beim havarierten Atomreaktor in Japan nicht weiter ausdehnt. Sie kämpfen für weniger Hundekot in Grünanlagen. Stimmt da noch die Verhältnismäßigkeit?

Mit Dank auch an Thomas P. und Dennis.