„Bild“ und Lidl: Kleine Meldung unter Freunden

„Frei nach Axel Springer: ‚Bild‘ sollte nie irgendein Boulevard-Blatt, sondern eine Volkszeitung sein. Also Anwalt der Leser, Zuhörer, Ratgeber, Verteidiger, Helfer. Übersetzt heißt das: ‚Bild‘ sagt nicht nur, was passiert. ‚Bild‘ sagt auch, was die Republik fühlt. (…) Das ist unser Anliegen: zu dokumentieren, was die Menschen beschäftigt, was sie emotional umtreibt. ‚Bild‘ ist (…) die gedruckte Barrikade der Straße. Das ist ihre Macht.“

Kai Diekmann im September 2005 im „FAZ“-Interview.

Wenn das, was Diekmann damals der „FAZ“ sagte, noch gelten soll (und für etwas anderes gibt es keine Anhaltspunkte), dann „fühlt“ die „Republik“ so ziemlich gar nichts angesichts der Tatsache, dass beim Lebensmitteldiscounter Lidl die Mitarbeiter überwacht wurden.

„Bild“ über den Lidl-Skandal

Der Lebensmitteldiscounter Lidl soll Beschäftigte systematisch überwacht haben. Angeblich wurde mit Überwachungskameras registriert, wann und wie häufig Mitarbeiter auf die Toilette gehen (…). Das berichtet der „Stern“. (…) Lidl-Geschäftsführer Jürgen Kisseberth wollte „nicht ausschließen“, dass es entsprechende Aufträge gegeben habe.

Dann findet die Republik nicht, es sei ein „Lidl-Skandal“, dass „Mitarbeiter bis aufs Klo bespitzelt“ wurden, wie beispielsweise das Boulevardblatt „Berliner Kurier“ heute auf der Titelseite (pdf) schreibt. Dann meint die Republik nicht, die „Stasi-Methoden bei Lidl“ seien eine „Schweinerei ohne Gleichen“, wie das Boulevardblatt „Hamburger Morgenpost“ auf der Titelseite berichtet. Dann ist die Republik auch nicht der Auffassung, Lidl sei „mit den jüngsten Enthüllungen“ auf dem „Niveau totalitärer Sklavenhalter“ angekommen, wie es in einem Kommentar (leider nicht online) der Münchner „Abendzeitung“ heißt. Dann ist die Republik nicht mal an einer weniger aufgeregten aber ausführlichen Auseinandersetzung mit dem Thema interessiert.

Wenn immer noch gelten soll, was Diekmann der „FAZ“ sagte, dann löst die Bespitzelung von Mitarbeitern bei Lidl bei den „Bild“-Lesern ungefähr genauso viele Emotionen aus, wie die Tatsache, dass der VdK-Präsident Hirrlinger die Rentenerhöhung verteidigt (siehe Ausriss).

Aber das geht uns ja eigentlich gar nichts an. Schließlich ist es ganz allein Aufgabe der Redaktion, zu entscheiden, was wie und in welcher Größe über den Lebensmitteldiscounter und besonders guten Geschäftspartner von „Bild“ in „Bild“ steht.

Mit Dank an Tim, Denis K., Horst E. und Kai Z. für den Hinweis.