Uneindeutiger im Tank

Nachdem Karl-Theodor zu Guttenberg vergangene Woche als Verteidigungsminister zurückgetreten war, stellten die deutschen Medien fest, dass es auch noch andere Themen gibt, über die man berichten könnte. Seitdem sind die Fernsehsendungen, Hörfunkprogramme und Zeitungen voll mit dem Chaos rund um die Einführung des neuen Bio-Kraftstoffs E10.

In der Berichterstattung scheinen zwei Prinzipien besonders hervor zu stechen: 1.) „Nichts genaues weiß man nicht.“ 2.) „Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.“ Dementsprechend handelt die „Bild“-Familie konsequent inkonsequent.

Gestern bemühte sich „Bild am Sonntag“, „zehn Irrtümer über den Bio-Sprit“ aufzuklären. Konkret etwa so:

5. E10 zerstört den Motor.

Kfz-Meister Erhard Schwind: „Steht das Auto auf der Positivliste der Hersteller, kann dem Motor nichts passieren, ansonsten drohen Motorschäden.“

Schon gestern Mittag berichtete Bild.de dagegen:

Laut Thomas Brüner, Leiter der Mechanikentwicklung beim Autobauer BMW, könnte E10 dafür sorgen, dass Motoren schneller verschleißen.

Durch den hohen Ethanolanteil von zehn Prozent im Benzin nehme die Wassermenge im Motor zu, erklärte der Experte der „Welt am Sonntag“.

Dieser Widerspruch hat auch die Redakteure der gedruckten „Bild“ irritiert, weswegen sich die Zeitung heute darum bemüht, alle Klarheiten zu beseitigen:

BILD fragte nach: Was stimmt denn nun?

BMW-Sprecher Bernhard Ederer: „Entgegen aktuellen, anderslautenden Medienberichten ist E10 für alle BMW-Pkw unbedenklich.“ Lediglich einige ältere Modelle benötigten unabhängig vom Ethanolgehalt aufgrund der höheren Oktanzahl Super Plus.

Auch der ADAC stellte klar, Kondenswasser sei kein Problem für die Motoren. Technik-Experte Reinhard Kolke zu BILD: „Das ist Quatsch! Motorenöl wird beim Fahren sehr heiß. Das Wasser verdunstet also wieder.“ Anstatt für Verwirrung zu sorgen, sollten die Autobauer ihre Kunden sofort schriftlich über das Kraftfahrtbundesamt aufklären, ob ihr Auto E10-tauglich ist oder nicht.

Alles klar? Dann zum nächsten „Irrtum“, den „Bild am Sonntag“ widerlegen wollte:

6. Es gibt keine Erfahrungswerte mit E10.

Schwind: „E10 wird seit mehreren Jahren von der Automobilindustrie getestet. Nur so konnte man feststellen, welche Modelle geeignet sind.“ [Automobilexperte Prof. Dr. Ferdinand] Dudenhöffer: „In Brasilien fahren 50 Prozent der Autos mit E80 oder E100, und es funktioniert perfekt.“

Dazu wieder der BMW-Entwickler bei Bild.de:

Ob es so weit kommt oder der in Deutschland verkaufte E10-Sprit gut genug ist, wissen die Autobauer Brüner zufolge noch nicht.

BMW will nun gemeinsam mit dem Konkurrenten Daimler entsprechende Tests durchführen, so die „Welt am Sonntag“.

Und noch einmal die „Bild am Sonntag“ bei der Irrtums-Bekämpfung:

8. Durch E10 werden Anbauflächen für Nahrungsmittel knapper.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU): „Die Politik stellt sicher, dass die Produktion der Biokraftstoffe nachhaltig ist und Produktion und Anbau der dafür verarbeiteten Pflanzen nicht in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion steht.“

Gut, dass Bild.de heute „die wichtigsten Fragen zum neuen Öko-Kraftstoff“ beantwortet. Darunter auch diese:

WERDEN JETZT DIE LEBENSMITTEL TEURER?

Nach Angaben der „WirtschaftsWoche“ gab es binnen sechs Monaten eine Preissteigerung von 75 Prozent bei Mais, Weizen und Zucker – getrieben wird dies von der Biospritproduktion in den USA, wo schon 33 Prozent der Maisernte hierfür verwendet würden. Eine Entwicklung, die sich auch in Deutschland abzeichnet!

„Wir bekommen in Deutschland so gut wie keinen Hafer mehr. Unser Getreide müssen wir jetzt teuer aus dem Ausland beziehen“, so DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann in der „WirtschaftsWoche“. „Das sind die Folgen des Bioenergiebooms, der den klassischen Anbau verdrängt. Auch deshalb steigen die Nahrungsmittelpreise.“

Bei der finalen Klärung der Verbraucherfragen zu E10 scheint der Einsatz eines Misthaufens und eines darauf krähenden Hahns also unverzichtbar zu sein.

Mit Dank an Clemens W.