Wider die gnadenlose Selbstbeherrschung II

Als „Bild“-Kolumnist Peter Heinlein kürzlich schrieb, die britische Presse sei bzgl. der Geheimhaltung von Prinz Harrys Einsatz in Afghanistan bei einer „Presseverhinderungsabsprache und gnadenlosen Selbstzensur erwischt worden“, war das offenbar nicht nur zynisch (weil die Geheimhaltung, wie berichtet, vor allem dem Schutz vor Anschlägen diente), sondern auch ahnungslos und irreführend.

Denn die „Bild“-Zeitung selbst, als deren Autor sich Heinlein empört, spielt eine seltsame Rolle bei der Enthüllung von Prinz Harrys Aufenthaltsort.

BILDblog dokumentiert:

„Ist Prinz Harry im Krieg?

Wo steckt Prinz Harry (23)? Seit Wochen ist er verschwunden. Keine öffentlichen Auftritte, keine peinlichen Party-Ausfälle. Nun geht das Gerücht: Er ist im Krieg!

Ein Insider des britischen Königshauses sagte dem Magazin ‚Frau im Spiegel‘: ‚Es ist durchaus denkbar, dass er im Irak oder in Afghanistan im Einsatz ist.‘

Eine offizielle Stellungnahme gibt es dazu aber nicht. Oder: Es darf sie nicht geben. Wenn es um einen geheimen Einsatz des Prinzen geht, dann herrscht strikte Nachrichtensperre, heißt es aus Militärkreisen.“
(Quelle: Bild.de vom 26.2.2008)

Bereits einen Tag vor der „weltexklusiven“ Enthüllung durch den Drudge Report nämlich stand bei Bild.de eine kleine Meldung (siehe Kasten) unter der Überschrift:

„Ist Prinz Harry im Krieg?“

Die „Harry im Krieg?“-Meldung fand – ähnlich wie bereits Wochen zuvor eine ähnliche Meldung des australischen Frauenmagazins „New Idea“ – keinen Widerhall: weder hierzulande, noch anderswo. Jedenfalls nicht, bis sich der Drudge Report der Sache annahm und (wie u.a. die „New York Times“ berichtet) zuerst unter ausdrücklicher Berufung auf „New Idea“ und „Bild“ aus den Afghanistan-Spekulationen eine Tatsache machte – um dann allerdings in einer überarbeiteten Fassung „New Idea“ und „Bild“ wegzulassen und die Geschichte als „world exclusive“ auszugeben.

Und als wäre das alles nicht seltsam genug, sind die Ursprungsmeldungen bei „New Idea“ (Screenshot hier) und Bild.de inzwischen nicht mehr verfügbar. Eine Anfrage bei „Bild“, warum und auf wessen Veranlassung Bild.de den eigenen Artikel gelöscht hat, wurde uns bislang noch nicht beantwortet.

Andererseits ist es umso erstaunlicher, dass die Bild.de-Meldung nicht nur dem Drudge Report als Quelle gedient haben soll, sondern „Bild“ auch bei der Rekonstruktion der heiklen Enthüllung in vielen Medien und Agenturmeldungen überhaupt eine Rolle spielt. Denn eigentlich verbreitete Bild.de doch eh‘ nur eine exklusive Vorab-Meldung der Illustrierten „Frau im Spiegel“ weiter.

Aber so ist das wohl, Herr Heinlein: Ihre „Bild“ ignoriert erst die Nachrichtensperre, entscheidet sich im Nachhinein zur gnadenlosen Selbstzensur und steht am Schluss weder zum einen noch zum andern.
 
Nachtrag, 14.28 Uhr: Inzwischen hat ein „Bild“-Sprecher auf unsere Frage, warum die „Harry im Krieg?“-Meldung auf Bild.de gelöscht wurde, geantwortet, er könne „dazu keine Auskunft geben“. Was im Blatt oder auf Bild.de erscheine, seien Entscheidungen der Chefredaktion – und diese Entscheidungen kommentiere man grundsätzlich nicht.