Auch bei den Moslems hat die Wurst zwei

Die „Bild“-Leser Michael E., Joachim R. und Manfred S., deren Leserbriefe „Bild“ heute abdruckt, sind offenbar einigermaßen empört:

Und das liegt daran, dass sie vergangenen Sonnabend eine Geschichte in der „Bild“-Zeitung gelesen haben:

"Schweinerei! Junge bestraft, weil er Moslems Würstchen spendierte"
Muss ein Neunjähriger wissen, dass Muslime kein Schweinefleisch essen? Drittklässler Philipp aus Seelze (Niedersachsen) wusste es nicht. Deshalb gab er zwei muslimischen Klassenkameraden jeweils ein Cocktailwürstchen ab. Als die Jungen ihn fragten „Ist da Schweinefleisch drin?“, antwortete Philipp: „Ihr werdet daran schon nicht sterben …“ Später erfuhren die muslimischen Kinder, das eben doch Schwein in den Würstchen war. (…) Der Vorfall landete bei der Grundschuldirektorin. Sie verdonnerte Phillip dazu, vor Schulbeginn den Pausenhof sauber zu machen. (…) Die Rechtfertigung der Landesschulbehörde: „Die Strafe sollte zum Nachdenken anleiten. Für Muslime ist das mit dem Schweinefleisch schlimm.“

Was die „Bild“-Leser Michael E., Joachim R. und Manfred S. nicht wissen: „Bild“ erzählte ihnen nur eine Seite der Geschichte. Nämlich die Version, die offenbar die Mutter des neunjährigen Philipp (der jetzt angeblich „Angst vor Würstchen“ hat) der „Bild“-Zeitung erzählte.

Um zu erfahren, wie die Direktorin der Grundschule den Vorfall darstellt, müsste man schon die „Leine Zeitung“ lesen. Die berichtet nämlich heute über den Vorfall und hat, anders als „Bild“, auch die Version der Direktorin aufgeschrieben. Laut ihr ist der neunjährige Philipp schon „mehrfach negativ aufgefallen“ und zeige sich „uneinsichtig“. Der Vorfall mit den Würstchen sei nur der Tropfen gewesen, der „das Fass zum Überlaufen brachte.“ Die Sache mit den Würstchen habe sich anders abgespielt, als in „Bild“ dargestellt:

Die Variante der Schule: Die Frage der Kinder, ob die Würstchen Schweinefleisch enthielten, habe [Philipp] verneint. Als seine Mitschüler die Würstchen gegessen hatten, habe er sie ausgelacht und sich lustig darüber gemacht, dass sie trotz ihres religiösen Verbots Schweinefleisch gegessen hätten. Die Mutter erzählt das anders. Sie sagt, ihr Sohn kenne das muslimische Gebot nicht. [Die Schulleiterin] dagegen sagt, dieses Thema begegne den Kindern im Schulalltag immer wieder. Sie schließt kindliche Naivität bei dem Neunjährigen aus.

Der religiöse Hintergrund sei im Übrigen unerheblich. „Es geht darum, dass sich der Junge über seine Mitschüler lustig gemacht hat“, sagte die Schulleiterin gegenüber der „Leine Zeitung“.

Wie gesagt, all das wussten die „Bild“-Leser nicht, als sie ihre Leserbriefe verfassten und an „Bild“ schickten. Insofern mag ihre Empörung naheliegend sein.

„Bild“ indes kannte offenbar beide Versionen. Jedenfalls teilt uns die Niedersächsische Schulbehörde auf Nachfrage mit, dass man „Bild“ auch die Darstellung der Schulleiterin geschildert habe.

"Der Junge, der von der Schule bestraft wurde, weil er Moslems Würstchen spendierte: Ministerin schaltet sich ein!"Genützt hat es nichts. Eher im Gegenteil. Denn die „Bild“-Zeitung legt heute in ihrer Hannover-Ausgabe noch einmal nach. Einen erheblichen Teil der Seite 3 hat sie dem Thema gewidmet (siehe Ausriss), für die Darstellung der Schulleitung allerdings immer noch keinen Platz gefunden. Stattdessen hat „Bild“ Elisabeth Heister-Neumann (Kultusministerin Niedersachsen), Aliou Sangaré (Chef eines Kulturvereins) und Ina Wunn (FDP-Politikerin und Religions- und Gesellschaftswissenschaftlerin) zu dem Fall befragt. Alle drei halten die Bestrafung des neunjährigen Philipp offenbar für überzogen.

Aliou Sangaré wird von „Bild“ bedeutungsschwanger („Sogar Moslems verteidigen Philipp“) mit den Worten zitiert: „Die Bestrafung ist nicht richtig. Der Junge hatte keine Ahnung, dass Muslime kein Schweinefleisch essen (…) Dieser Vorfall ist kontraproduktiv für die Integration von Moslems!“ Uns gegenüber sagte er allerdings, dass er nur die „Bild“-Version der Geschichte kannte.

Elisabeth Heister-Neumann, so sagt uns ihre Büroleiterin, habe sich „auf Ansprache der ‘Bild’-Zeitung“ dahingehend geäußert, dass sie sich über den Fall informieren wolle („Bild“: „Ich werde das genau prüfen!“), ließ sich aber vorab schon mal zu der Aussage hinreißen, es könne von keinem Neunjährigen erwartet werden, „dass er religiös bedingte Ernährungsvorgaben fremder Religionsgemeinschaften“ kenne. In unseren Worten: Auch ihr war die Darstellung der Schulleitung unbekannt.

Ina Wunn konnten wir leider noch nicht erreichen. Wir werden ihre Antwort selbstverständlich nachreichen, sobald wir wissen, ob wenigstens sie beide Versionen der Würstchen-Geschichte kannte, bevor sie der „Bild“-Zeitung sagte, ihrer Meinung nach sei das „eine überzogene Reaktion auf einen völlig normalen Vorgang“:

Auf das unbefangene kindliche Verhalten mit Strafe zu reagieren, zeige, so Prof. Wunn, „dass die Schulleitung nicht in der Lage ist, gelassen mit kultureller und religiöser Vielfalt umzu gehen“. Hier sei „mit vorauseilendem Gehorsam“ reagiert worden.

Wir vermuten allerdings, dass Wunn genauso schlau war wie die „Bild“-Leser, die auf der Grundlage von „Bild“-Artikeln Leserbriefe verfassen oder sich ihre Meinung bilden. Nicht nur über Cocktailwürstchen an Grundschulen, sondern auch über die „schleichende Islamisierung“ unserer Gesellschaft.

Mit Dank an Heiko R. für den Scan.

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