„Bild“ macht den Koch zum Gärtner

Die Menschen in Hessen haben sich verwählt.

Die Folgen der Landtagswahl, des Stimmengewinns für die SPD und des Einbruchs für die CDU, für die Wirtschaft und den Wohlstand werden verheerend sein, da sind sich ausnahmslos alle Experten einig. Also, alle Experten, die in „Bild“ zum Thema Wort kommen:

  • Klaus Zimmermann vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung fürchtet eine „gefährliche Politik“, die „dauerhaft nicht zu mehr Wohlstand führt“, „negative Folgen für die Verbraucher“ und „weiter steigende Energiepreise“,
  • Michael Heise, Chefsvolkswirt der Allianz, erwartet, dass es Arbeitslose „noch schwerer haben werden, Jobs zu finden“,
  • Anton Börner, Präsident des Bundesverband des Deutschen Groß- und Außenhandels, geht davon aus, dass sich ausländische Firmen „mit Investitionen in Deutschland stärker zurückhalten“ werden,
  • und Jürgen Thumann, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, ist schlicht in „allergrößter Sorge“.

Es geht nun, kurz gesagt, alles den Bach runter, weil nicht genug Menschen die CDU gewählt haben.

Wahlempfehlungen

Als Wolfgang Clement sich gegen die Wahl der SPD aussprach, urteilte „Bild“-Autor Hugo Müller-Vogg (der seinen 60. Geburtstag mit Koch feierte) über Clement: „Ihm ist das Land wichtiger als die Partei.“

Und als die CDU in den Meinungsumfragen abrutschte, erklärte Müller-Vogg, dass wer SPD wähle, quasi automatisch die Linke an die Macht bringe: „Für die SPD geht’s nur mit Links.“

Eine Art Doppelpass spielte die hessische CDU mit „Bild“ mit dem Berliner Staatsanwalt Roman Reusch. Nachdem „Bild“ den Mann, der im vergangenen Jahr nach einem Disziplinarverfahren „ermahnt“ wurde, als „Deutschlands mutigsten Staatsanwalt“ bezeichnet hatte, wollte der hessische Justizminister ihn in eine „länderübergreifende Expertengruppe“ holen, was „Bild“ mit der Traumwahlkampf-Überschrift vermeldete: „Hessen holt Deutschlands mutigsten Staatsanwalt.“

Womöglich hat sich auch nur der Ehrgeiz der „Bild“-Zeitung in Grenzen gehalten, andere Stimmen zu finden. Schon vor der Wahl stand sie treu an der Seite von CDU-Ministerpräsident Roland Koch (siehe Kasten). Und „Bild“ war (wie mehrfach berichtet) Kochs Medienpartner bei seiner spektakulären Kampagne gegen Ausländer in den vergangenen Wochen. Insofern ist das Debakel für Roland Koch auch eine Niederlage für die „Bild“-Zeitung. „Spiegel Online“ kommentiert es so:

Koch konnte mit seinen xenophoben Attacken niemanden mobilisieren außer seinen Kellner in Springers Boulevard.

Wenn „Bild“-Kommentator Jörg Quoos heute den Absturz Kochs erklären muss, muss er also indirekt erklären, warum die „Bild“-Kampagne so wenig gegriffen hat. Ein Fehler war sie natürlich nicht, deshalb kann auch Koch nichts falsch gemacht haben, und Quoos analysiert:

(…) Die Bürger haben es einfach gespürt: Roland Koch war schon lange vor der harten Wahlschlacht der letzte CDU-Kämpfer für die Werte, die die Partei groß gemacht haben. Streitlustig, unerschütterlich, aber ohne echte Deckung.

Im Reservat für Konservative reitet er wie der einsame Sheriff Richtung Sonnenuntergang. Am Ende hat der Wähler Roland Koch nicht mehr abgenommen, dass er allein die CDU auf altem Kurs halten kann.

Das schlechte Abschneiden in Hessen ist der Preis für das populistische Streben der CDU-Führung Richtung links, weg von der Mitte. (…)

Die Menschen haben Roland Koch nicht gewählt, weil sie genau seiner Meinung sind? Sie wollten ihm, der für den richtigen, rechten Kurs stand, keine Stimme geben, weil die anderen in der CDU längst auf einem anderen, linken Kurs sind?

Die Argumentation dehnt die Grenzen der Logik, aber vermutlich funktioniert sie auch, um zu erklären, warum die „Bild“-Zeitung seit Jahren alles richtig macht und trotzdem immer seltener gekauft wird.