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„Bild“-Bearbeitungsprogramm

Wenn einem 31-jährigen DJ von einem 37-jährigen Türsteher ein „Matschauge“ beigebracht wurde, ist das für Bild.de Anlass genug, den Artikel (wie man einer versehentlich veröffentlichten internen Anweisung entnehmen kann) mit einem Mehr-zum-Thema-Kasten „mit den aktuellsten themen zu jugendgewalt“ anzureichern.

Aber nicht nur das: „Bild“ und Bild.de zeigen neben einem Foto des Opfers und einem Foto des Vaters des Opfers auch etwas, in dem das ungeschulte Auge eine Kuh und den Treptower Park zu erkennen glauben könnte, das aber laut „Bild“ die „Tanzfläche der Disco ‚Colosseum‘ am Tat-Abend“ zeigen soll:


Und ehrlich gesagt: Bei dem impressionistisch anmutenden Farbgewusel, das in „Bild“ sogar eine, ähm, eigene Quellenangabe bekommen hat (siehe Ausriss rechts), handelt es sich tatsächlich um die Tanzfläche der Disco „Colosseum“ am Tat-Abend — übrigens dem 26. Dezember vergangenen Jahres. Das glauben Sie nicht? Na, dann…

… klicken Sie doch mal hier.

„Bild“ hat das Foto offensichtlich solange bearbeitet, bis sowohl die auf dem Original-Foto deutlich erkennbare Quelle als auch der ebenfalls deutliche erkennbare Copyright-Hinweis unkenntlich waren. Und „Bild“ hat sich den Abdruck, wie uns der Fotograf und die Betreiber der Disco bestätigen, nicht genehmigen lassen.

Und nicht nur das: Die Disco-Betreiber schildern den Vorfall deutlich anders als „Bild“.

Vorgeschichte laut „Bild“
 
„(…) Dann wollte sich Benjamin im VIP-Bereich ausruhen. Eine Frau hatte was dagegen, warf ihn raus. Das ließ Biermann nicht auf sich sitzen. Er beschwerte sich beim Veranstalter, ging mit dessen Erlaubnis zurück in den VIP-Bereich. Doch die Frau ließ nicht locker, holte die Türsteher. (…)“

Sie bestreiten nicht, dass es zu einer Auseinandersetzung zwischen dem DJ (bei dem es sich übrigens um den Sohn von Wolf Biermann handelt) und einem der Türsteher gekommen sei und Biermann jr. anschließend die Polizei gerufen habe. Die Vorgeschichte dazu, die sich übrigens nicht im „VIP-Bereich“, sondern auf der Personaltoilette zugetragen haben soll, erzählen die Disco-Betreiber jedoch nicht nur weniger harmlos, sondern auch irgendwie plausibler als „Bild“ (siehe Kasten) — und weniger rühmlich für das „Opfer“…

Die Schilderung der Gegenseite hat „Bild“ jedoch offenbar nicht interessiert. In den zwei Wochen nach dem Vorfall hat „Bild“ die Betreiber nicht einmal gefragt.

Nachtrag, 12.1.2008: Na, sowas! Über zwei Wochen nach dem Vorfall und zwei Tage nach dem ersten Bericht („Schock — Wolf Biermanns Sohn in Disko verprügelt!“) berichtet „Bild“ heute wieder. Überschrift diesmal: „Wolf Biermanns Sohn — Mit Frau auf Disco-Klo erwischt!“ Der Artikel (der anders als der womöglich falsche Teil 1 nicht online ist) schildert zum überwiegenden Teil den fraglichen Abend aus Sicht der Disco-Betreiber, denn: „Am Donnerstag berichtete BILD über einen Vorfall in einer Disco in Neubrandenburg (…). Jetzt meldet sich Disco-Chef Norbert Lüder (56) zu Wort (…).“ Warum „Bild“ die Biermann-Version zunächst als Tatsache schilderte (siehe oben) und sich der Disco-Chef erst selbst zu Wort melden muss, damit auch seine Version berücksichtigt wird, lässt „Bild“ offen.