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Mensch Maschmeyer!

„Bild“-Leser kennen den „schillernden Multimillionär“ Carsten Maschmeyer vor allem als – nach einer brisanten Schnurrbart-Optimierung – durchaus präsentables Anhängsel („Jackpot des Herzens“) von Veronica Ferres.

Dass der Mann auch noch andere Facetten hat, sahen insgesamt 3,86 Millionen Zuschauer am Mittwoch bei der Sendung „ARD exclusiv – Der Drückerkönig und die Politik“. In der NDR-Doku setzt sich „Panorama“-Redakteur Christoph Lütgert kritisch mit den Methoden des Finanzdienstleisters AWD und den politischen Seilschaften von Carsten Maschmeyer auseinander. Matthias Prinz, der Anwalt des langjährigen Vorstandsvorsitzenden und Gründers von AWD, versuchte die Ausstrahlung des Films im Vorfeld mehrfach zu verhindern.

Neben Vorwürfen gegen Maschmeyer und AWD zieht sich noch etwas anderes wie ein roter Faden durch die Dokumentation: der ständige, jedoch vergebliche Versuch Lütgerts, Carsten Maschmeyer vor der Kamera damit zu konfrontieren, dass er und seine politischen Verbindungen mitverantwortlich dafür seien, dass AWD-Anleger aufgrund von Schrottimmobilien und hochriskanten Finanzprodukten ihre gesamten Ersparnisse verloren haben. Sämtliche Interviewanfragen – auch schriftliche – werden abgewiesen.

Maschmeyer hat dann doch noch Zeit für ein Interview gefunden — allerdings nicht mit Lütgert, sondern mit „Bild“. Das Interview in der Donnerstagsausgabe muss in geradezu atemberaubender Geschwindigkeit geführt worden sein, wenn man bedenkt, dass der Inhalt der Sendung am Vortag kaum vor Redaktionsschluss bekannt sein konnte. Das sogenannte „Bild-Verhör“ bot Carsten Maschmeyer dann auch eine bequeme Plattform mit einer ungleich höheren Reichweite von (angeblich) 12,53 Millionen Lesern, um allen in der Dokumentation erhobenen Vorwürfen zu widersprechen.

Zwar stellt „Bild“ semikritische Fragen, doch mit dem Nachhaken ist es nicht weit her: Wenn Maschmeyer die „angesprochenen Vorgänge“ als „ausnahmslos zehn Jahre alt“ an sich abperlen lässt, hätte man ihn etwa auf die jüngste Sammelklage von 2.500 Betroffenen aus Österreich ansprechen können, denen AWD-Berater von Ende der 90er Jahre bis 2007 „immofinanz“- und „immoeast“-Aktien verkauft haben. Oder auf ein Urteil gegen AWD aus dem letzten Jahr, seit dem Finanzberater Kunden über die Höhe ihrer Provisionen aufklären müssen.

Dass „Bild“ Maschmeyer eine derart günstige Gelegenheit bietet, sich von den Vorwürfen reinzuwaschen, verwundert nicht, denn die Zeitung, der Finanzunternehmer und sein ehemaliges Unternehmen stehen schon lange in einem ausgezeichneten Verhältnis zueinander: 2008 spendete Maschmeyer 1 Million Euro für „Ein Herz für Kinder“, im vergangenen Jahr kamen weitere 1,4 Millionen dazu. Vor einem Jahr hat AWD der Kinderhilfsorganisation von „Bild“ Bandenwerbung im Wert von 500.000 Euro in den Stadien von Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen gesponsort. Dagegen wirken ein schmeichelhaftes Porträt oder – wie gerade jetzt – ein Interview zur rechten Zeit schon fast wie eine Selbstverständlichkeit. Zumal der heutige Kommunikations-Direktor von AWD, Béla Anda, bis 1998 bei „Bild“ arbeitete, ehe er zunächst stellvertretender, dann erster Regierungssprecher von Bundeskanzler und Maschmeyer-Freund Gerhard Schröder wurde.

Eine Stelle aus dem „Bild“-Interview, pardon: -Verhör, scheint die „Panorama“-Redaktion aber besonders geärgert zu haben:

BILD: Warum hat der recherchierende Journalist kein Interview bekommen?

Maschmeyer: „Ich habe mehrfach ein Interview angeboten, aber darum gebeten, mir die konkreten Fragen vorab zu senden. Bei mehreren Millionen Kunden müssen für diese Einzelfälle nämlich zunächst die Beratungsunterlagen eingesehen und die Kunden um Genehmigung gebeten werden, ob zu deren Investitionsentscheidungen in den Medien Stellung genommen werden darf.“

Inzwischen hat „Panorama“ reagiert und der Behauptung widersprochen:

Im Interview mit der BILD-Zeitung vom 13. Januar 2011 stellt Carsten Maschmeyer die Recherche von Panorama in Frage. Er behauptet, er habe „von den angeblichen Vorwürfen erst aus der Programmzeitschrift erfahren“. Außerdem habe er „mehrfach ein Interview angeboten“. Beide Behauptungen sind nachweislich falsch. Monatelang hat die Redaktion Panorama vergebens versucht, Carsten Maschmeyer für ein Interview zu gewinnen.

Zusätzlich hat „Panorama“ eine dreimonatige Chronologie der vergeblichen Interviewanfragen nebst Original-E-Mail- und Briefverkehr ins Netz gestellt:

Mit Dank an Maria M., Tobias R., Ivo B. und Horst W.