Über den Wolken und über die Perspektive

Was für ein faszinierender Stoff doch diese „Luft“ ist: Wir brauchen sie zum Leben; wir können sie in Gummischläuche pressen, um sanft über die Straßen zu rollen; es gibt sie kalt oder heiß und manchmal sieht man in ihr auch so etwas:**

Neulich über NRW: Warum kommen sich diese Jets so nah? Spektakuläres Flugmanöver über Selm (NRW): Oben fliegt eine Boeing 747, unten eine Boeing 777. Auf dem Leitwerk ist die Lackierung von Etihad Airways aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zu erkennen

Bild.de nennt die Fotos des Leser-Reporters aus NRW „wirklich spektakulär“ und in der Tat sehen die Aufnahmen für das unbedarfte Auge irgendwie spektakulär aus.

Ein bisschen weniger spektakulär wird es allerdings, wenn Bild.de direkt selbst schreibt, dass der Leser-Reporter ein 1000-Milimeter-Objektiv benutzt habe — Teleobjektive mit dieser Brennweite liefern ein stark verzerrtes Bild, auf dem auch weit voneinander entfernte Objekte nah beieinander wirken. In einem Fliegerforum gehen die Diskutanten deshalb auch davon aus, dass der Mindestabstand von 1.000 Fuß (rund 330 Meter) „locker“ eingehalten wird.

Davon ab handelt es sich bei den Maschinen auch nicht um „eine Boeing 747 und eine Boeing 777“, sondern um zwei Airbusse: oben um einen A 340, unten mutmaßlich um einen A 330 oder A 300.* Etihad hat in seiner Flotte gar keine 747.

Doch damit nicht genug: Nachdem sich der Leser-Reporter laienhafte Sorgen gemacht hat („Da sind doch bestimmt die vorgeschriebenen Sicherheitsabstände nicht eingehalten.“) hat Bild.de bei einem Experten nachgefragt:

BILD.de zeigte die Aufnahmen dem anerkannten Flugsicherheits-Experten Tim van Beveren. Seine Einschätzung: „Der vorgeschriebene Mindestabstand von 1000 Fuß oder 300 Metern ist hier auf jeden Fall deutlich unterschritten. Ich tippe auf einen genehmigten Testflug von Boeing. Ein Flugzeug wird getestet, das andere zeichnet die Daten auf. In diesem Fall dürfen die Flugzeuge allerdings so dicht nebeneinander herfliegen.“

Auf unsere Anfrage erklärte Tim van Beveren, er habe zunächst einige Mutmaßungen geäußert, als Bild.de ihn mit den Fotos konfrontiert habe. Die Reporter hätten den Artikel dann vorschnell veröffentlicht und einen „nicht überprüften Sachverhalt zu Tatsachen gemacht“, weswegen er bereits bei der Axel Springer AG interveniert habe.

Offenbar deshalb hat Bild.de die Passage mit van Beverens angeblichem Zitat in der einen Version des Artikels zunächst durch die treudoofe Frage „Oder täuscht hier nur die Perspektive?“ ersetzt, in einer zweiten Fassung aber online gelassen. Inzwischen sind beide Versionen offline genommen.

Mit Dank an Thomas, Michael K., Robin A. und PM.

*) Hinweis, 13. Januar: Uns haben diverse Piloten, Flugzeugfans und -experten geschrieben, welche Flugzeugtypen auf den Fotos wirklich zu sehen seien — jeder Einzelne kam zu einem anderen Ergebnis.

Wir bleiben dran!

Nachtrag/Korrektur, 13. Januar: Der von Bild.de befragte Experte Tim van Beveren hat uns nach einer ausführlichen Auswertung der Fotos und der Daten der Deutschen Flugsicherung mitgeteilt, was darauf wirklich zu sehen ist:

Die obere Maschine ist demnach eine Boeing 747-400 der British Airways auf dem Weg von Bangalore (Indien) nach London-Heathrow (Flug-Nr. BA 118) in einer Höhe von 40.000 Fuß (12.192 Meter), die untere ein Airbus A 319, ebenfalls von British Airways auf dem Weg von Warschau nach Heathrow. Er fliegt auf 38.000 Fuß (11.582 Meter), was bedeutet, dass der Mindestabstand nicht nur locker eingehalten wurde, sondern theoretisch auch noch eine Maschine in Gegenrichtung zwischen den beiden Flugzeugen hätte durchfliegen dürfen.

Der abgebildete Überholvorgang habe am 30. Dezember 2010 zwischen 14.18 Uhr und 14.19 Uhr über NRW stattgefunden und sei völlig normal.

Van Beveren erklärt, er habe seine ersten groben Einschätzungen auf der Grundlage eines Fotos mit schlechter Bildqualität und unter der Vorgabe gemacht, dass der Fotograf zwei Maschinen von Etihad zu sehen glaubte. Diese Einschätzungen seien aber nie zur Veröffentlichung bestimmt gewesen.

**) Hinweis, 14. Januar: Auf Wunsch des Leser-Reporters haben wir sein Foto und seinen Namen aus dem Artikel entfernt. Er beharrt außerdem darauf, dass es sich „zu 100%“ um Maschinen von Etihad Airways handle.