Wie konnte es zu diesem Niedergang kommen?

Hans-Peter Buschheuer, 54, ist, wie er selbst es formuliert, „Hundebesitzer und Chefredakteur der beiden Boulevardzeitungen ‘Berliner Kurier’ und ‘Hamburger Morgenpost’“ — beim „Kurier“ seit 2003, bei der „MoPo“ seit 2006. Zuvor arbeitete er u.a. beim (1991 von Franz Josef Wagner und dem ehemaligen „Bild“-Chef Günter Prinz für den Burda-Verlag entwickelten) ostdeutschen Boulevardblatt „Super!“ als Chef vom Dienst wie auch anschließend bei der Berliner „Bild“-Schwester „B.Z.“ und war Chefredakteur der Kölner Boulevardzeitung „Express“. Laut Buschheuer, der als Kind „Priester oder Mönch“ hatte werden wollen und mit der Schriftstellerin Else Buschheuer verheiratet war, ist sein „Berliner Kurier“ übrigens „die einzige deutsche Kaufzeitung, die in den letzten zweieinhalb Jahren Auflage hinzu gewann. Die ‘Hamburger Morgenpost’ startete vor einem Jahr eine Sonntagsausgabe, gegen die Springer erfolglos mit einem Konkurrenzblatt an- und wieder abtrat“. Mehr über Buschheuer unter www.buschheuer.de.

Von Hans-Peter Buschheuer

Dass der 6. Dezember 2027 eigentlich ein historisch bedeutender Tag ist, entging der überwältigenden Mehrheit der deutschen Bevölkerung. An diesem Tag nämlich stellte die Printversion der „Bild“-Zeitung ihr Erscheinen ein.

Kein Wunder, dass dieses Ereignis kaum jemanden interessierte, war doch die Auflage der einstmals größten Zeitung Europas auf zuletzt 240.000 Exemplare gefallen, und die mussten verstreut in ganz Deutschland ausgeliefert werden. „Zu teuer“, befand „Bild“-Verleger Georg Gafron, der für die russische Newsprom-Gesellschaft das Blatt Mitte 2010 von der Axel Springer AG übernommen hatte.

Springer hatte sich damals völlig aus dem Zeitungsgeschäft zurück gezogen, nachdem ihr erst die (eigentlich freundlich gestimmte) Merkel-Regierung den Einstieg ins Briefgeschäft vergällt hatte. Dann waren auch die Versuche des einstigen Springer-Chefs Matthias Döpfner, im deutschen Fernsehgeschäft Fuß zu fassen, an den Kartellgesetzen gescheitert. Als schließlich noch die Verlegerswitwe Friede Springer einen jahrelang andauernden Erbschaftsstreit mit den Enkeln des Verlagsgründers verlor und der milliardenschwere Konzern unter den Erben aufgeteilt werden musste, war es um die Schlagkraft des einstigen Presseimperiums geschehen. Gut, die „Springer Enterprises“, wie sich der Konzern nun nannte, machten Milliarden-Umsätze mit den
„Volks“-Produkten und verdienten an jedem zweiten deutschen Handyvertrag und jeder 4. Lebensversicherung mit, doch das Unternehmen hatte seine politische Mission aufgegeben.

Wie konnte es zu diesem Niedergang kommen?

Der Zusammenbruch der „Bild“-Zeitung deutete sich schon 2001 an, als ein junger Mann namens Kai Diekmann überraschend Chefredakteur des 4,5-Millionen-Blattes geworden war. Diekmann galt als „Jahrhundert-Talent“ und den deutschen Rechtskonservativen nahestehend, ganz nach dem Geschmack der Verlegerswitwe. Diekmann war weniger am Journalismus gelegen, als vielmehr an der Verbreitung rechter Gesinnung, vermischt mit Sex- und Blutgeschichten und ständig wiederkehrenden Horrorszenarien vom nahen Weltuntergang durch Kometeneinschlag oder der Invasion von Außerirdischen. Immer weniger Deutsche mochten den wirren Visionen des „Bild“-Chefs folgen. Schon in den ersten sechs Jahren seiner Amtszeit fiel die Auflage um eine Million Exemplare. Vollends büßte „Bild“ seinen Einfluss auf die breiten Massen ein, als es Ende 2007 auch die Online-Markführerschaft verlor: Ausgerechnet an „Spiegel Online“, das immer mehr die klassischen Boulevard-Inhalte verbreitete (aber ohne ideologische Propaganda).

So ging es immer weiter bergab mit „Bild“. Bis zu jenem 6. Dezember. Walter Mayer, der letzte „Bild“-Chefredakteur (im Branchenspott auch „Schlussredakteur“ genannt, weil er vorher bereits „Tempo“ und „B.Z.“ einstellen musste), formulierte eine letzte Schlagzeile:

"Wir waren Gott!"
Bitter traf es auch die Jungs vom BILDblog. Weil sich immer weniger Deutsche für das einstige Massenblatt interessierten, stellte schließlich auch das Watchblog seine Tätigkeit ein.
 
Wer morgen BILDblogger für einen Tag ist, wird noch nicht verraten.