Immer mehr deutsche Frauen werden Kanzler!

"Immer mehr deutsche Kirchen werden zu Moscheen!"

Das stand gestern auf der Titelseite der „Bild“-Zeitung. Und es stimmt — wenn man sich der „Bild“-Auffassung anschließen will, dass zwei „immer mehr“ sind. Denn die einzige seriöse Datengrundlage für die „Bild“-Behauptung ist ein Bericht des „Tagesspiegel“, nachdem die Neuapostolische Kirche zwei ihrer Berliner Gotteshäuser an muslimische Gemeinden verkauft hat.

Da hört es aber schon auf mit der Seriosität. So schreibt „Bild“ (und davon findet sich nichts im „Tagesspiegel“-Artikel):

Aus Mangel an Kirchgängern wollen auch katholische und evangelische Kirche in den nächsten Jahren rund 10 000 Gotteshäuser schließen. Demgegenüber wächst die Zahl muslimischer Gebetsstätten rapide: „159 Moscheen mit Minaretten gibt es schon, dazu 2500 Gebetshäuser. Und weitere 128 sind im Bau“, berichtet Salim Abdullah vom Islam-Archiv Deutschland.

Bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat man die Zahl 10.000 schon öfter gelesen, weiß jedoch nicht wo sie herkommt. Ein Sprecher zu uns:

Die Zahl geistert seit rund zwei Jahren durch die Presse, aber wir haben dazu nie Zahlen bekannt gegeben. Von unseren 23 bis 25.000 Gebäuden liegt die Zahl derer, die wir aufgeben müssen im untersten Promillebereich.

Und auch bei der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) kann man sich die Zahl nicht erklären und verweist auf eine Pressemitteilung aus dem Jahr 2005, in der es heißt:

Für die kommenden 10 Jahre wird damit gerechnet, dass weniger als 3 % der Kirchengebäude nicht mehr der Feier der Liturgie dienen werden. Es handelt sich bundesweit um etwa 700 Kirchengebäude, deren Bedeutung und Verwendung sich ändern werden.

Das heiße allerdings nicht, dass diese 700 Gebäude auch verkauft würden, ergänzt eine Sprecherin uns gegenüber.

Aber selbst wenn die Zahl 10.000 eine Grundlage hätte: Der von „Bild“ implizit hergestellte Zusammenhang zu der vermeintlich „rapide“ wachsenden Zahl „muslimischer Gebetsstätten“ existiert nicht: Sowohl von der DBK als auch von der EKD gibt es Empfehlungen, keine Kirchen an islamische Gemeinden abzugeben. Und selbst der von „Bild“ zitierte Leiter des Islam-Archivs* in Soest, Salim Abdullah, ist laut dpa offenbar der Meinung, dass die „Übernahme christlicher Gotteshäuser“ von „untergeordneter Bedeutung“ sei.

*) Zahlen des Islam-Archivs kommen zwar immer wieder in Presseberichten vor, es ist aber zweifelhaft, ob man sich auf sie zu verlassen kann. So nannte die „Zeit“ die bundesweiten Konvertiten-Zahlen des Islam-Archivs für das Jahr 2004 bis 2005, die der „Spiegel“ im Januar veröffentlicht hatte, „Fantasiezahlen“, deren Seriosität offenbar selbst islamische Verbände bezweifeln.

Dabei basierten die vom „Spiegel“ veröffentlichten Zahlen auf einer Studie des Islam-Archivs, die immerhin vom Bundesinnenministerium (BMI) im Rahmen einer Projektförderung finanziert wurde. Allerdings wurde die Studie bislang vom BMI „nicht freigegeben“, bestätigt uns eine Sprecherin des BMI den „Zeit“-Artikel. Das Islam-Archiv sei der Bitte, „methodische Fehler“ in der Konvertiten-Studie zu beseitigen über Monate nicht nachgekommen.

Womit wir dann wieder bei „Bild“ wären. Die schreibt nämlich auf Seite 3 der Berlin-Ausgabe, „Schon 8500 Berliner“ seien „zum Islam gewechselt“. „Bild“ gibt zwar keine Quelle für diese Zahl an, hat sie aber offenbar von Mohammed Herzog, dem Gründer und Leiter der Islamischen Gemeinschaft deutschsprachiger Muslime Berlin (IGDMB). Und der sagte uns auf Nachfrage, woher er wiederum die Zahlen habe: vom Islam-Archiv in Soest.

Mit Dank an Kai B. für den sachdienlichen Hinweis.