Besoffenheitsjournalismus

Vergangene Woche begann vor dem Landgericht in Arnsberg die Verhandlung im Falle eines 80-Jährigen, der vor über einem Jahr mit seinem Wagen in einen Schützenumzug gefahren war und dabei drei Menschen getötet hatte. 50 weitere wurden zum Teil schwer verletzt.

Die Presseagentur dapd wusste folgendes über den Angeklagten zu berichten:

Mit tränenerstickter Stimme bedauert der gebrochen wirkende Mann zum Prozessauftakt das Geschehen: „Es tut mir unendlich leid, was ich so vielen Menschen zugefügt habe. Was da passiert ist, kann man nie wieder gut machen.“ (…) Der erste Geschäftsführer des Schützenvereins Sankt-Hubertus, Rüdiger Morena, zeigt sich von der Reue des Angeklagten beeindruckt. „Das war ein großes Zeichen von Stärke“, sagt er im Anschluss. Für den Verein, die Hinterbliebenen und alle Betroffenen sei es „wichtig, dass er sich entschuldigt hat“.

express.de fasst diese bewegenden Momente in seiner Überschrift so zusammen:

Besoffen in die Menge gerast: Amok-Fahrer von Menden jammert vor Gericht

Offenbar war es express.de nicht genug, eine Entschuldigung in „Gejammer“ umzudeuten oder die versöhnlichen Worte im Namen der Hinterbliebenen im dazugehörigen Artikel gar nicht erst zu erwähnen — es musste auch noch die Unterstellung her, der Rentner sei „besoffen in die Menge gerast“.

Dabei taucht weder im aktuellen Gerichtsfall, noch in der Berichterstattung vor einem Jahr (auch nicht auf express.de selbst) der Vorwurf auf, Alkohol habe bei der Unglücksfahrt eine Rolle gespielt. Stattdessen deutet einiges darauf hin, dass der Angeklagte, der sich an den Unfall nicht mehr erinnern kann, damals einen Schwächeanfall erlitten hatte.

Ein Sprecher der zuständigen Kreispolizeibehörde Märkischer Kreis bestätigte gegenüber BILDblog, dass es keinen einzigen Hinweis darauf gebe, dass der Angeklagte zum Zeitpunkt des Unfalls in irgendeiner Form alkoholisiert war. Dies sei auch nie Gegenstand der Ermittlungen gewesen.

Es scheint sich also eher um eine Schnapsidee von express.de zu handeln.

Mit Dank an Ralf M.

Nachtrag, 20.05 Uhr: express.de hat das Wort „besoffen“ inzwischen entfernt und in einer Anmerkung ergänzt:

In der Dachzeile dieses Beitrags (und nur dort) stand ursprünglich „Besoffen in die Menge gerast“. Das war ein bedauerlicher Fehler: Der Unfallfahrer war bei dem Vorfall nicht betrunken.