Wie man Zustimmung zu Stuttgart 21 produziert

Das ist eine überraschende Nachricht heute in „Bild“:

Die meisten Umfragen bisher hatten eine Mehrheit gegen das Bahnhofsprojekt gesehen. Entweder gibt es also, wie „Bild“ suggeriert, einen Stimmungsumschwung.

Oder nicht.

Zunächst einmal ist die Umfrage nicht repräsentativ — eine Information, zu der „Bild“ sogar laut Pressekodex verpflichtet wäre.

Der Verein „Mobil in Deutschland“, auf dessen Seite die Online-Befragung veranstaltet wurde, nennt als ein zentrales Ziel seiner Arbeit, „Mobilität zu fördern“, unter anderem durch den „Ausbau der Infrastruktur (Strasse, Schiene, Flughäfen)“. „Mobil in Deutschland“ kämpft auch konkret für „Stuttgart 21“.

Entsprechend jubelt der Verein in einer Pressemitteilung über die angeblichen Ergebnisse seiner Umfrage:

Was noch vor 3 oder 4 Wochen undenkbar schien, wird jetzt offenbar Realität. Eine klare Mehrheit der Bevölkerung scheint hinter Stuttgart 21 zu stehen. „Offenbar hat sich der Wind gedreht“, so Dr. Michael Haberland 1. Vorsitzender von Mobil in Deutschland e.V. „Gesprächsbereitschaft, Verhandlung und Kommunikation aber auch Beharrlichkeit in dem Ziel der Umsetzung scheint ein gutes Konzept zu sein.“

Und Desinformation, natürlich. Anders als der Verein und „Bild“ behaupten, wurden die Teilnehmer der Umfrage nämlich gar nicht gefragt, ob sie „für“ oder „gegen“ „Stuttgart 21“ sind. Die erste Frage lautete stattdessen:

Halten Sie Stuttgart 21 für ein wichtiges Verkehrsprojekt?

59 Prozent antworteten mit Ja — aber für ein wichtiges Projekt kann man Stuttgart 21 auch halten, wenn man gegen seine Verwirklichung ist.

Die Frage, auf die sich „Bild“ in seiner Überschrift bezieht, ist die zehnte. Sie lautet:

Sollte die Politik an großen Infrastruktur- und Verkehrsprojekten wie Stuttgart 21 festhalten?

Der Mobilitäts-Verein schreibt dazu:

Dies ist die entscheidende Frage in unserer Umfrage und hat ein klares Ergebnis. Fast 58 % der Befragten sind der Meinung, dass man an Stuttgart 21 festhalten soll. Nur 37 % der Befragten möchten das nicht.

Die Uminterpretation des Ergebnisses ist fast schon lächerlich plump. Es ist, als würde man die Menschen fragen: „Sollten Eltern ihre Kinder erziehen (z.B. durch Hausarrest)?“ — und wenn 58 Prozent mit Ja antworten, behaupten, 58 Prozent der Menschen seien für Hausarrest.

Ein Verein macht Stimmung für sich und ein von ihm unterstütztes Projekt. Und Medien wie „Bild“ und die „Abendzeitung“ helfen ihm dabei.