Fotobetexter verliert beim Teekesselchen-Spiel

Lieber Norbert Körzdörfer,

ich habe mal irgendwo gelesen, Ihre Chefs würden über Sie sagen: „Körzi kannst Du um drei Uhr in der Nacht anrufen. Er schreibt Dir jeden Nachruf, ohne irgend ein Faktum nachgucken zu müssen“. Und ich muss gestehen, ich hatte, als ich das las, so meine Zweifel…

Und nun ist also Jean-Claude Brialy gestorben, der französische Schauspieler, der eng mit der vor 25 Jahren gestorbenen Romy Schneider befreundet war — und Sie mussten für „Bild“ drüber schreiben. Ich habe nicht den Eindruck, dass Sie Brialy persönlich kannten. Oder gut. Aber immerhin: Sie haben sich vorbereitet und für Ihren kleinen Nachruf dieses Interview gelesen, das Brialy kürzlich dem „Spiegel“ gegeben hatte. Zumindest zitieren Sie daraus wörtlich, wenn Sie heute schreiben:

Romy-Tochter Sarah Biasini (29) hatte rotgeweinte Augen. Brialy fand ihre tote Mutter: „Wunderschön, schlafend, lächelnd.“

Solche Formulierungen, lieber Norbert, macht Ihnen keiner nach. Allein dieser fast lyrische Doppelpunkt! Ganz schön gewagt auch. Fand Brialy jetzt die tote Romy? Oder die tote Romy wunderschön? Ich weiß: Sie und ich kennen die Antwort — steht ja lang und breit in dem zitierten „Spiegel“-Interview, dass Brialy „im Radio, um 8 Uhr morgens“ von Romys Tod erfahren hat, aber wissen das auch Ihre Leser? Oder sehe ich jetzt schon Gespenster?!

Falls ja, will ich nichts gesagt haben…
Mit Gruß
Ihre Clarissa

Ach, eins noch: Weil ja nicht jeder schreiben kann, „ohne irgend ein Faktum nachgucken zu müssen“, sagen Sie doch bitte beim nächsten Mal den Kollegen in der Fotobetextungsabteilung von „Bild“ kurz Bescheid, wie Sie was meinen. Bei der Illustration Ihres Nachrufs haben die nämlich heute neben ein Brialy-Foto das hier geschrieben:

"Vor 25 Jahren fand er Romys Leiche"

Mit Dank an Oliver S. für den Hinweis.