Wagner-Premiere im Berliner Ensemble

Lieber Franz Josef Wagner,

wir müssen Ihnen was sagen. Die Menschen bei „Bild“, die Ihre Texte täglich einem Millionenpublikum zugänglich machen, sind nicht Ihre Freunde.

Heute zum Beispiel schreiben Sie an den „Freigänger Christian Klar“, der womöglich „ab Juli“ schon am Berliner Ensemble arbeiten werde:

Na, dann werden wir uns öfter sehen. Ich gehe gern ins Theater. Heute gibt es übrigens "Der Todestanz" von August Strindberg. Schade, dass Sie erst ab Juli in Berlin sein können. Wir hätten jetzt schon offen und kritisch über das Bühnenbild reden können. Ich finde, dass die Schauspieler maßlos übertreiben und das Bühnenbild in den Hintergrund rücken. Gerne würde ich Ihre Meinung dazu hören. Ich nehme an, wir würden uns in der Sektpause zwischen dem zweiten und dritten Akt im Premierenpublikum treffen. Ich nehme an, dass ich Ihnen den Inhalt meines Sektglases ins Gesicht schütte.

Wären die Leute bei „Bild“ Ihre Freunde, dann hätten sie in Ihrem Manuskript sicher unauffällig den Titel „Der Todestanz“ in „Totentanz“ korrigiert. Sie hätten vermutlich beiläufig das Wort „Premiere“ aus dem Text entfernt, denn die Premiere ist nicht heute abend, sondern war schon im Dezember. Und sie hätten wahrscheinlich den ganzen Teil mit der „Sektpause zwischen dem zweiten und dritten Akt“ herausgenommen, denn die Vorstellung ist so kurz, dass sie ganz ohne Pause auskommt.

Alternativ hätten die „Bild“-Verantwortlichen, wenn sie Ihre Freunde wären, vielleicht wenigstens den Satz „Ich gehe gern ins Theater“ ersatzlos gestrichen.

Vielen Dank an Chris K. für den sachdienlichen Hinweis!