Allgemein  

Ein Fall wie aus dem Lehrbuch

Warum glaubt ein Mediziner plötzlich, dass seine Kollegen ihn ab sofort für einen Trottel halten? Na, warum wohl: Er wurde in einem „Bild“-Artikel zitiert!

So berichtete „Bild“ (Berlin-Brandenburg) am Samstag über einen Mann, Joachim B. (Name von uns gekürzt), der am seltenen Guillain-Barré-Syndrom erkrankt ist. Er wird derzeit in einer Reha-Klinik in Bernau behandelt. Der „Bild“-Artikel über B. ist kürzer als 70 Zeilen, die Geschichte selbst, nun ja, ein wenig größer. Schließlich litt B. laut „Bild“ unmittelbar vor seiner Erkrankung unter Durchfall und Übelkeit!

Und weil „Bild“ doch vor gar nicht allzu langer Zeit noch viel größer über die „schlimmste Magen-Darm-Seuche“ berichtet hatte (eigentlich — wir berichteten — eine vergleichsweise harmlose Noroviren-Infektion), die ebenfalls sich in Durchfall und Übelkeit äußert, zeigt „Bild“ heute noch einmal die damalige Titelseite („So berichtete BILD am 31. Januar 2007“). Und schreibt in großen gelben Lettern über das „erschütternde Schicksal vom Joachim B. aus Berlin“:

Im Artikel wird die Überschrift nochmals aufgegriffen:

"Schlimmer Verdacht: War es das Noro-Virus?"

Tja, war’s das? Wie zur Antwort druckt „Bild“ einen kurzen O-Ton von Dr. Michael Jöbges, Chefarzt in der Bernauer Klinik, in der Joachim B. behandelt wird: „Ein Fall wie aus dem Lehrbuch. Erst kam der Virus, dann die Lähmung“, soll er gesagt haben.

Uns aber teilte Jöbges auf die Frage „War es das Noro-Virus?“ mit:

Ich bin von dem „Journalisten“* befragt worden, ob auch das Noro-Virus Auslöser dieses Syndroms sein kann. Dies habe ich verneint und angegeben, dass das in Rede stehende Bakterium Campylobakter jejuni heiße. Außerdem habe ich darauf hingewiesen, dass natürlich nicht jeder Mensch, der eine Campylobakter-jejuni-Infektion erleidet, danach ein Guillain-Barré-Syndrom durchmacht. Ich habe versucht, dem „Journalisten“* zu vermitteln, dass Fragen aus dem Gebiet der Autoimmunologie nicht in dürren, einfachen Worten zu erklären sind, sondern eine ausführlichere Erklärung erfordern. Diese Botschaft scheint nicht verstanden worden zu sein.

Dies sind alles prinzipielle Erwägungen. Aus Gründen der Schweigepflicht kann ich zu dem konkreten Fall keine Angaben machen und möchte hierfür um Ihr Verständnis bitten.

Leider wird jeder Leser, der diesen Artikel für „bare Münze“ nimmt und über ein wenig medizinischen Sachverstand verfügt, mir denselben ab sofort absprechen.
(Hervorhebungen, Link und Sternchen von uns.)

*)Robin Hartmann