Killer spielen Killerspiele

Nicht jedes Computerspiel, in dem irgendwelche Figuren getötet werden, ist ein böses Killerspiel.

Das sagen nicht wir, das sagt „Bild“. Heute berichtet die Zeitung groß über die vielen jungen Leute, die gestern um Mitternacht ein Elektronikgeschäft „stürmten“, um so früh wie möglich die Erweiterung „The Burning Crusade“ zu dem Rollenspiel „World of Warcraft“ zu kaufen.

World of Warcraft??

„Bild“ klärt auf:

Wer hinter dem Namen ein „Killerspiel“ vermutet, liegt falsch: Bei „World of Warcraft“ (…) steht die Kommunikation im Vordergrund. Die Spieler treffen sich im Internet, lösen gemeinsam Aufgaben. Tauchen ab in eine Fantasiewelt voller Elfen, Zwerge und Trolle.

Oooooh: Elfen.

Dass es bei aller Kommunikation auch in „World of Warcraft“ gelegentlich hilft, Feinde zu töten, erwähnt „Bild“ nicht. Offenbar ist das also für die Definition, was ein „Killerspiel“ ist, nicht entscheidend.

Gestern berichtete „Bild“ über ein anderes Computerspiel: „Final Fantasy VII“*. Das sollen nach Informationen der Zeitung die beiden Jugendlichen exzessiv gespielt haben, die am Wochenende in Tessin ein Ehepaar „totgemetzelt“ („Bild“) haben. „Bild“ schrieb gestern:

Die Idole der Jungen: „Sephiroth“, der mit seinem Langschwert unschuldige Bewohner tötet. Und „Reno“, der den Anführer der Guten killen soll. (…)

Am Tatabend sollen sich die Killer mit den Spielnamen angeredet haben. Wollten sie sein wie ihre Vorbilder, ohne Gnade töten, wie sie es schon hundertmal am PC geübt hatten?

Die „Bild“-Zeitung lässt keinen Zweifel, dass „Final Fantasy VII“ im Gegensatz zu „World of Warcraft“ ein gefährliches Killerspiel ist. Die Nachrichtenagentur dpa nannte „Final Fantasy VII“ unter Berufung auf „Bild“ entsprechend ein „Gewalt-Computerspiel“.

Menschen, die „Final Fantasy VII“ spielen, halten die Spielbeschreibung und das Urteil für abwegig. Und die Unabhängige Selbstkontrolle USK hat dem Spiel aus dem Jahr 1997 eine Freigabe ab 12 Jahren erteilt — dieselbe übrigens wie „World of Warcraft“, das bekanntlich den „Bild“-Unbedenklichkeitsstempel trägt. Die USK erklärt diese Kategorie so:

Kampfbetonte Grundmuster in der Lösung von Spielaufgaben. Zum Beispiel setzen die Spielkonzepte auf Technikfaszination (historische Militärgerätschaft oder Science-Fiction-Welt) oder auch auf die Motivation, tapfere Rollen in komplexen Sagen und Mythenwelten zu spielen. Gewalt ist nicht in alltagsrelevante Szenarien eingebunden.

Das Bild, das die „Bild“-Zeitung von dem Spiel zeigt (siehe Ausriss), ist eindrucksvoll, kein Zweifel. Aber es ist auch irreführend. Die Szene stammt nämlich gar nicht aus „Final Fantasy VII“, sondern offenbar aus dessen späterem Ableger „Dirge of Cerberus** (ab 16 Jahren), und darin geht es nicht um „Reno“ und „Sephiroth“.

Aber was ist nun ein Killerspiel? Warum erklärt „Bild“ ein Spiel (frei ab 12) für gefährlich und ein anderes (frei ab 12) für ungefährlich?

Oder kann es sein, dass der Begriff „Killerspiel“ für „Bild“ einfach jedes Spiel bezeichnet, das jemand spielt, der später zum Killer wurde?

*) erhältlich im Bild.de-Shop
**) erhältlich im Bild.de-Shop

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Nachtrag, 18.1.2007 (mit Dank an Michael H. und Simon S.): Noch wahrscheinlicher ist allerdings, dass die abgebildete Szene gar nicht aus einem Computerspiel stammt, sondern aus dem Film „Final Fantasy VII — Advent Children“ (frei ab 12).

Nach Angaben der Geisel in einer Fernsehsendung gestern abend haben die beiden Jugendlichen vor der Tat tatsächlich diesen Film gesehen, in dem auch die Figuren „Sephiroth“ und „Reno“ auftauchen. Diesen Film, den die Nachrichtenagentur dpa trotz seiner Freigabe ab 12 Jahren nun ein „Gewaltvideo“ nennt, hielt „Bild“ offenbar fälschlicherweise für das Computerspiel „Final Fantasy VII“.