Jegliches Ethos abgegeben

Auf Homestories von Politikern will „Bild“ zukünftig angeblich verzichten; von Artikeln aus dem Privatleben von anderen Prominenten, um die es im „Caroline-Urteil“ im Kern geht, ist nicht die Rede. Schade eigentlich — denkt man, wenn man einen Artikel im heutigen „Tagesspiegel“* gelesen hat, der sich die Arbeit des „Bild“-Unterhaltungsressorts unter seinem Chef Martin Heidemanns genauer ansieht.

Zu lesen ist in der ausführlichen Geschichte unter anderem:

… wie die Methoden von Martin Heidemanns in der Branche beschrieben werden: Anschreien, Drohen, Erpressen.

… wie „Bild“ versucht haben soll, Prominente wie Charlotte Roche, Ursula Karven und Esther Schweins in persönlichen Notsituationen zu Interviews zu erpressen.

…wie „Bild am Sonntag“ falsche Fotos von Andreas Türck (wie er angeblich nach den Vergewaltigungsvorwürfen zu seiner „Mama“ flieht) und Oliver Kahn (wie er angeblich wieder seine Ehefrau betrügt) zeigte.

Die Chefin der Agentur Barbarella, die viele Prominente vertritt, zitiert der „Tagesspiegel“ mit dem Fazit:

Journalisten der ,Bild’-Zeitung scheinen darauf trainiert zu werden, jeglichen Ethos abzugeben.

Weder Heidemanns noch sein Chef Kai Diekmann wollten mit dem „Tagesspiegel“ reden. Ein Sprecher des Verlages sagte:

Die Unterstellungen des Tagesspiegels gegenüber „Bild“ sind so haarsträubend, dass sich darauf eine Antwort verbietet. Genauso wie beim Tagesspiegel sind dies auch für „Bild“ keine üblichen Arbeitsmethoden.

Ach ja. Oder wie Kai Diekmann der Zeitschrift „Cover“ sagte: „Nur Moralisten können gute Journalisten sein.“

(Verspäteter) Nachtrag, 29. Dezember 2005:
Von Martin Heidemanns erschien am 14. November 2004 eine Gegendarstellung zu dem Artikel im „Tagesspiegel“. Darin heißt es unter anderem:

Durch die Formulierung: „Spricht man mit Prominenten und ihren Managern, mit ehemaligen und aktuellen Kollegen über jenen Mann, der bei BILD für das Unterhaltungsressort verantwortlich ist, fallen drei Worte immer wieder: Anschreien, Drohen, Erpressen“, erwecken Sie den Eindruck, dass ich bei meiner Berufsausübung schreie, drohe, erpresse.

Das ist falsch. Ich schreie nicht, ich drohe nicht, und ich erpresse auch nicht.

*) Nachtrag, 25.1.2006:
Der strittige Artikel ist im Online-Archiv des „Tagesspiegel“ nicht mehr (oder nicht mehr frei) verfügbar, aber im Wortlaut hier nachzulesen. Zwei weitere Gegendarstellungen dazu finden sich hier und hier.