Kreativ kochen mit Konserven

„Bild“ schreibt heute, der 1960 verurteilte Mörder Heinrich Pommerenke spreche „jetzt (…) erstmals seit Jahren über sein Leben“.

Das stimmt — auch wenn er doch vor gerade mal zwei Jahren in der „Welt“ zu Wort gekommen war. Die daher etwas übertrieben wirkende Ankündigung ist „Bild“ jedoch nicht anzulasten — jedenfalls nicht zunächst. Denn so wie sich „die Kolleginnen und Kollegen von der ‚Bild'“ unlängst von Marcel Reich-Ranicki öffentlich als „abscheuliche Schlampen und Schlamper“ bezeichnen lassen mussten, obwohl sie doch nur einen Fehler aus einer Agentur-Meldung übernommen hatten, stammt auch die obige „erstmals seit“-Formulierung direkt aus einer dpa-Ankündigung:

Erstmals seit vielen Jahren konnte der 69-Jährige in der Justizvollzugsanstalt Bruchsal interviewt werden. Das Justizministerium Baden-Württembergs machte eine Ausnahme von dem strikten Besuchsverbot für Journalisten und erlaubte dem Karlsruher dpa-Korrespondenten Wolfgang Janisch ein mehrstündiges Gespräch mit Pommerenke.

Immerhin: Nach diesem Ankündigungs-Überschwang wurde der gestern vormittag veröffentlichte dpa-Korrespondentenbericht über Pommerenke heute von verschiedenen Tageszeitungen ganz ohne aktuellen Anlass* im Wortlaut abgedruckt.

Ganz anders „Bild“: Obwohl auch der „Bild“-Bericht ohne Zweifel auf der dpa-Veröffentlichung beruht, finden sich in „Bild“ noch allerlei zusätzliche Sentenzen — als hätte „Bild“ ebenfalls eine Ausnahme vom Besuchsverbots für Pommerenke bekommen und nur vergessen, „der brutale Frauen-Schlächter zu BILD“ oder „exklusiv“ dazuzuschreiben. Andererseits stand quasi alles, was heute in „Bild“ zusätzlich zu lesen ist, vor zwei Jahren schon in der „Welt“. Ein Beispiel?

Angenommen, jemand würde ihm ganz viel Geld geben: Dann würde er einen alten Bauernhof kaufen und ihn zu einem Alten- und Waisenheim umbauen. Ein Gebäudeteil wäre für allein erziehende Mütter reserviert (...)

Und nun zum Vergleich die aktuelle „Bild“-Version:

"Wenn ich freikäme, würde ich gerne einen Bauernhof kaufen und ihn zu einem Alten- und Waisenheim umbauen. Ein Gebäudeteil wäre für alleinerziehende Mütter."

Wir fragen uns deshalb: Kann das sein? Hat „Bild“ hier einfach aus der (zwei Jahre alten) Formulierung eines Journalisten einen (scheinbar brandaktuellen) O-Ton des Mörders gemacht?!

Die „Welt“ übrigens schloss damals mit den Worten:

Aber es gibt ja ein Leben danach, ein ganz neues Leben bei Gott. „Da gibt es keine Schuld und keine Tränen.“ Davon ist Heinrich Pommerenke felsenfest überzeugt.

Und „Bild“? Hat sich für folgenden Artikelschluss entschieden:

Doch er hofft auf ein Leben nach dem Gefängnis, ein Leben bei Gott. Der fromme Häftling: „Da gibt es keine Schuld und keine Tränen.“

Man nehme also:

  • 1 frische Agenturmeldung
  • 1 Archiv-Text (aus der Konserve)
  • 8 Paar Gänsefüßchen
Vor der Zubereitung Quellenangaben gründlich entfernen, Zutaten kräftig durcheinandermischen und mit den willkürlich eingestreuten Anführungszeichen abschmecken, fertig.

 
Mit Dank an Jonas P. für den Hinweis.

*) Nachtrag, 24.10.2006 (mit Dank an Nico): Es gab offenbar doch einen aktuellen Anlass für den dpa-Bericht (der allerdings aus der aktuellen Berichterstattung selbst nicht hervorgeht): Pommerenke wurde am 22. Oktober 1960 verurteilt.