Häme-Kleine will’s wissen

Sehr geehrter Herr Kleine,

Briefe schreiben sei „in“, so steht es heute in „Bild“. Ihr Kollege Franz Josef Wagner ist heute mit seiner 2000. „Post von Wagner“ dran, die gesamte „Bild“-Redaktion verfasste in der letzten Woche unter der Überschrift „Ihr griecht nix von uns!“ einen Brief an den griechischen Ministerpräsidenten Papandreo, den „Bild“ „Pleite-Premier“ nennt.

Jetzt hat Bundestagspräsident Norbert Lammert auch einen Brief geschrieben, an seinen griechischen Amtskollegen Philippos Petsalnikos, aber das finden Sie nicht gut.

Warum müssen wir uns bei den Pleite-Griechen entschuldigen?

fragen Sie in der Überschrift und vermutlich wissen Sie und Ihre Kollegen schon gar nicht mehr, dass die Bürger Griechenlands eigentlich nur „Griechen“ heißen und nicht „Pleite-Griechen“ — zu sehr haben Sie alle das Wort schon verinnerlicht. (Andererseits kann man ja schon fast froh sein, dass die Überschrift nicht „Lammert griecht zu Greuze“ lautete.)

Das ist aber eine merkwürdige Entschuldigung …!

finden Sie und da muss ich Ihnen kurz recht geben: Es ist in der Tat eine merkwürdige Entschuldigung, die Norbert Lammert da verfasst hat — im sonst eher selten gebräuchlichen Sinne von „gar keine“, denn das Wort „Entschuldigung“ taucht in Lammerts Schreiben kein einziges Mal auf, wie Bild.de gleich nebenan „im Wortlaut“ „dokumentiert“.

Man könnte eher sagen, der Brief sei der Versuch, ein wenig Deeskalation zu betreiben. (Ich weiß, dieses Wort kennen „Bild“-Mitarbeiter nicht, aber in Ihrer Redaktion steht doch sicher auch so ein Fremdwörter-Duden.)

Nachdem Lammert also den Ernst und den Mut gelobt hat, mit dem griechische Politiker „nun an jahrelang verschobene und verdrängte Probleme herangehen“ (Bild.de: „Damit meint er wohl: Korruption, unglaublichen Schlendrian und die Verschwendung von Milliardenbeträgen…“), widmet er sich mit einem Satz auch kurz der Situation in Deutschland:

Mancher hämische Kommentar in deutschen Medien wäre sicher ebenso unterblieben wie manche hochmütige Aufforderung deutscher Politiker zur Kurskorrektur, wenn man bei unserem etwa zehnfachen Sozialprodukt den deutschen Wählern ähnliche Sanierungsmaßnahmen in einer vergleichbaren Größenordnung von ca. 50 Milliarden Euro zugemutet hätte.

Dieser Satz ist nicht schön: Lammert stellt sich vor, was in Deutschland los wäre, wenn hierzulande ein ähnlich radikaler Sparkurs gefahren werden müsste, wie jetzt (endlich!) in Griechenland, und sagt dann, dass die deutschen Medien und Politiker sich vielleicht anders verhalten hätten — nur, dass es dann um ihr Land gegangen wäre und nicht um ein fremdes.

Aber diese verunglückte Mutmaßung ist gar nicht das, was Sie, Rolf Kleine, stört:

Ganz Europa sorgt sich über die desaströse Finanzlage Griechenlands und die Stabilität des Euro – und was macht unser Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU)?

Lassen Sie mich an dieser Stelle kurz fragen, woran der Leser eigentlich erkennt, wer gerade mit „uns“ oder „wir“ gemeint ist: Da Lammert ja sicher nicht der Bundestagspräsident von „Bild“ ist, sind in diesem Falle wohl „wir Deutschen“ gemeint — in der Überschrift ja aber nicht, denn entschuldigen sollen sich ja nicht alle, sondern nur ein paar. Oder auch nur einer:

Er entschuldigt sich in einem Brief an den griechischen Parlamentspräsidenten Philippos Petsalnikos für „manche hochmütige Aufforderung deutscher Politiker zur Kurskorrektur“ und „hämische“ Kommentare „in deutschen Medien“.

ABER WEN MEINT ER DA BLOSS?

Sehr geehrter Herr Kleine, ich weiß nicht, ob Sie in den vergangenen Tagen und Wochen Gelegenheit hatten, mal einen Blick in die Zeitung zu werfen, für deren Hauptstadtbüro Sie arbeiten, aber …

"Bild" schlagzeilt auf die "Pleite-Griechen" ein

An „hämischen“, Verzeihung: hämischen, Kommentaren hat es da in letzter Zeit wohl kaum gemangelt.

Aber Sie fragen natürlich ganz unschuldig:

Doch wohl nicht etwa die Forderung von Politikern in BILD-Interviews, dass Griechenland auch Staatseigentum privatisieren solle – zum Beispiel Inseln?

Nein, Herr Kleine. Nicht nur.

Mit freundlichen Grüßen,

Lukas Heinser

Mit Dank an Julian J. und Benjamin S.