Real existierende Desorientiertheit

„Die Symptomatik zeigt typischerweise ein gemischtes und wechselndes Bild, beginnend mit einer Art von „Betäubung“, mit einer gewissen Bewusstseinseinengung und eingeschränkten Aufmerksamkeit, einer Unfähigkeit, Reize zu verarbeiten und Desorientiertheit.“
Aus dem Diagnoseschlüssel der „International Classification of Diseases“ (ICD) für die Akute Belastungsreaktion (Schock) (ICD-10 F43.0).

"Schock-Bericht der Weltbank: Deutschland sozialistischer als China"

Es muss „Bild“ schon ziemlich schlimm erwischt haben, denn der „Schock-Bericht der Weltbank“ (der eigentlich „Doing Business in 2007“ [pdf] heißt und übrigens keine Aussagen darüber trifft, wie „sozialistisch“ ein Land ist) wurde schon vor neun Tagen veröffentlicht und „Bild“ zeigt heute offenbar Schock-Symptome.

Die Titel-Schlagzeile ist jedenfalls ziemlich irreführend und entgegen ihrer Ankündigung sagt „Bild“ auf Seite zwei nicht, „wie schlimm es wirklich um Deutschland steht“ — jedenfalls nicht, soweit es die Ergebnisse des Weltbank-Reports betrifft. „Bild“ hat sich lediglich einen Teilaspekt des Berichts herausgepickt und schreibt:

Schock-Studie der hochangesehenen Weltbank: Deutschland ist starrer, bürokratischer, sozialistischer als das kommunistische China — zumindest was den Arbeitsmarkt betrifft! (…) – dem Zuständigkeitsbereich von Arbeits- und Sozialminister Franz Müntefering (SPD).

Was „Bild“ mit „zumindest“ meint, erfährt man, wenn man sich die Ergebnisse der Weltbank-Studie mal im Einzelnen anschaut. Deutschland liegt in sieben von zehn Kategorien zum Teil weit vor China, in einer mit China gleichauf und in der Gesamtwertung („Ease of doing business“) kommt Deutschland unter 175 untersuchten Ländern auf Rang 21, während China Platz 93 belegt.

P.S.: Dass Jugendliche in Deutschland nur zwischen sechs und 20 Uhr arbeiten dürfen, wie „Bild“ schreibt (und worin sie einen der „schlimmsten Job-Killer“ entdeckt haben will), stimmt zwar, allerdings ist das, anders als „Bild“ behauptet, eher nicht „unmöglich für das Gaststättengewerbe, wo deutlich länger geöffnet ist“. Es gibt nämlich Ausnahmen im Jugendarbeitsschutzgesetz. Zum Beispiel dürfen „Jugendliche über 16“ im Gaststättengewerbe bis 22 Uhr arbeiten.

Mit Dank an Philipp S. und Thorsten L. für die Hinweise.