Die Reifeprüfung

Schlechte Nachrichten, die die Deutsche Presse-Agentur da heute Morgen um 5.30 Uhr unter der Überschrift „Jeder zweite Schulabgänger ’nicht ausbildungsreif'“ verkündet hat:

Fast jeder zweite Schulabgänger gilt als „nicht ausbildungsreif“ und muss vor Vermittlung in eine Lehrstelle zusätzliche Fördermaßnahmen absolvieren. Dies geht aus dem Entwurf des „Berufsbildungsberichts 2010“ der Bundesregierung hervor, der der Deutschen Presse-Agentur dpa vorliegt.

Doch es reich nicht immer aus, wenn einem so ein Entwurf vorliegt — man muss ihn auch verstehen. Und das ist gar nicht so einfach, wie ein Sprecher des Bundesministeriums für Bildung und Forschung uns gegenüber zugab.

Der Journalist von dpa habe einfach die Zahl aller Schulabgänger aus dem Jahr 2008 mit der Zahl der Eintritte in sogenannte berufsgrundbildende Maßnahmen verglichen und war so auf einen Wert von 47,3% gekommen. Übersehen hatte er dabei aber, dass diese Maßnahmen auch von Abgängern anderer Jahrgänge in Anspruch genommen werden können, dass sie mehrfach besucht (und dann auch mehrfach gezählt) werden können und dass sie teilweise von „ausbildungsreifen“ Jugendlichen zur Qualifikationsverbesserung genutzt werden.

All das hat das Ministerium in einer ersten Reaktion auf den dpa-Bericht auch mit einer etwas umständlichen Pressemitteilung ausdrücken wollen, doch da waren die Jugendlichen schon in den Brunnen gefallen: Weil sie die mutmaßlichen Ergebnisse des Berichts, der Mitte April dem Kabinett vorgelegt werden soll, direkt verkünden wollten, hatten Onlinemedien wie „Spiegel Online“, „Welt Online“ und RTL.de (dort übrigens unter der beeindruckenden Überschrift „Viele Schulabgänger zu dumm zum Arbeiten“) die Fehlinterpretation von dpa bereits in die Welt getragen.

Doch nicht nur das. Auch die Zahlen von 2005, mit denen dpa (und damit auch „Spiegel Online“ und „Welt Online“) die von 2008 vergleicht, sind falsch, weil auf die gleiche Weise zustande gekommen:

Zwar sei die Zahl der von der Bundesagentur für Arbeit als „nicht ausbildungsreif“ eingeschätzten Jugendlichen zwischen 2005 und 2008 wieder leicht zurückgegangen – und zwar von 55 Prozent auf 47,3 Prozent. Doch gebe es für diese Gruppe der Schulabgänger immer noch erhebliche Probleme bei der Ausbildungsplatzvermittlung.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Begriff „nicht ausbildungsreif“ oft sehr unterschiedlich definiert wird. Wenn man ihn mit „gar keinen Schulabschluss schaffen“ gleichsetze, liege der Wert seit Jahren bei rund 8%, so der Ministeriumssprecher weiter.

Ohne ihre erste Version über die „Ausbildungsreife“ zurückzuziehen, hat dpa um 15.11 Uhr einen ausführlicheren Text über den Entwurf zum Berufsbildungsbericht verschickt, in dem es jetzt heißt:

Der Anteil der Jugendlichen, die zwischen Schule und Eintritt in die Berufsausbildung zunächst einen ergänzenden Grundbildungskurs besuchen, wird in dem Bericht für das Jahr 2008 mit 47,3 Prozent beziffert. 2005 lag dieser Anteil laut Bericht sogar bei 55 Prozent.

Die Möglichkeit, dass manche Absolventen dieser Kurse mehrfach gezählt werden, ist da immer noch nicht berücksichtigt. Oder wie es das Bundesministerium für Bildung und Forschung formulierte: Die neue Version ist „schon richtiger, aber immer noch nicht ganz richtig“.

Mit Dank an Hendrik W.

Nachtrag, 4. März, 0.30 Uhr: Um 20.03 Uhr verschickte dpa eine Berichtigung des ersten Textes:

Berichtigung: In der Überschrift und im ersten Absatz wurden die Zahlenangaben entfernt. Das Bundesbildungsministerium hat darauf hingewiesen, dass bei der im Entwurf des Berufsbildungsberichtes 2010 „genannten Referenzgröße von 47,3 Prozent“ bei den Teilnehmerzahlen für zusätzliche Bildungsmaßnahmen auch Schulabgänger früherer Jahrgänge mitgezählt worden seien. In der Zusammenfassung um 15.11 Uhr (dpa 4299) ist dieser Umstand bereits berücksichtigt worden.

Davon ab verzichtet dpa in dieser Version auf jedwede Prozentzahlen.

„Spiegel Online“ hat seinen kompletten Artikel entfernt und durch diesen Hinweis ersetzt:

In eigener Sache

An dieser Stelle stand ein Artikel („‚Mangelhaft‘ für deutsche Schulabgänger“), in dem auf Basis der Nachrichtenagentur dpa falsch gewichtete Zahlen über die Ausbildungsfähigkeit von Jugendlichen berichtet wurden. Inzwischen hat die Agentur ihre Darstellung korrigiert und die Bundesregierung die ursprünglichen Zahlen dementiert. SPIEGEL ONLINE berichtet darüber in einem eigenen Artikel…

„Welt Online“ hat seinen Artikel komplett überarbeitet, aber auf einen Hinweis darauf verzichtet.

Nur bei RTL.de heißt es weiterhin:

Die Bilanz ist erschreckend: fast jeder zweite Schulabgänger ist laut dem ‚Berufsbildungsbericht 2010‘ der Bundesregierung zu unqualifiziert für eine Ausbildungsstelle.

2. Nachtrag, 10.45 Uhr: Wer ist natürlich gestern noch voll drauf reingefallen?

Berufsbildungsbericht: Sind unsere Azubis zu blöd?

Und wer verbreitet den Quatsch heute immer noch?

Ernst Elitz, früherer Intendant des Deutschlandradios, in einem Kommentar für „Bild“:

Handwerker suchen händeringend Lehrlinge. Sie wollen Arbeit schaffen. Aber fast jeder Zweite, der in eine Lehre soll, ist „nicht ausbildungsreif“.

Mit Dank an Andreas H.