Propaganda mit toten Kindern

„Bild“ steht im gegenwärtigen Nahost-Krieg uneingeschränkt hinter der israelischen Armee. Ob das eine gute Voraussetzung für eine Zeitung ist, um ihre Leser unvoreingenommen und umfassend über die Vorgänge im Krieg zu informieren, darüber kann man streiten. Die „Bild“-Zeitung aber geht in ihrer Parteinahme soweit, dass sie Tatsachen verdreht, übertreibt und verfälscht. Und darüber kann man eigentlich nicht streiten.

„Bild“ berichtet heute über die vor allem in vielen Blogs aufgeworfenen Zweifel daran, was während und nach dem Angriff der israelischen Armee auf die libanesische Stadt Kana wirklich geschah. „Bild“ schreibt:

Hat die Terror-Organisation Hisbollah diese Bilder etwa perfide inszeniert — um mit toten Kindern Propaganda gegen Israel zu machen?

Renommierte Blätter wie „Süddeutsche“ und FAZ sprechen von „Propaganda“ und „Zweifeln“ an den genauen Umständen des Angriffs. Die „Neue Zürcher Zeitung“ nennt das Chaos aus Schutt und Leichen vor dem zerstörten Haus „eine bloße Darbietung für angereiste Journalisten!“

Alle drei Zitate aus „renommierten Blättern“ sind falsch. SZ und FAZ berichten zwar beide über „Verschwörungstheorien“ (SZ) und „Spekulationen“ (FAZ) über die Umstände des Angriffs auf Kana. Weder in der SZ, noch in der FAZ tauchen in diesem Zusammenhang jedoch die Wörter „Propaganda“ oder „Zweifel“ auf.

Und die NZZ spricht zwar von „Propaganda“ und „Zweifeln“, nennt das Chaos aber keineswegs selbst, wie „Bild“ behauptet, „eine bloße Darbietung für angereiste Journalisten“, sondern zitiert diese Meinung nur — als „Vermutung“ von „Beobachtern“.

Den gleichen Trick wendet „Bild“ noch einmal an und schreibt:

Die FAZ berichtet über einen noch abscheulicheren Verdacht:

Unter Berufung auf die libanesische Internetseite „Libanoscopie“ heißt es, dass die Hisbollah einen Raketenwerfer auf das Dach des Hauses gestellt und behinderte Kinder in das Gebäude gebracht habe.

„Bild“ tut so, als habe die FAZ den Vorwurf übernommen, dabei referiert die FAZ ihn nur in indirekter Rede. Warum zitiert „Bild“ nicht einfach die Originalquelle? Warum versucht sie, diese Originalquelle über den Umweg der FAZ aufzuwerten, wenn die FAZ keine Aussagen darüber trifft, ob sie dieser Quelle glaubt oder nicht?

Die „Bild“-Redakteure Julian Reichelt und Sebastian von Bassewitz fragen heute: „Wurde die ganze Welt durch die Hisbollah-Terroristen getäuscht?“ Ganz anders als die von ihnen zitierten „renommierten Blätter“ beantworten sie die Frage aber auch sogleich: „Wie die Terroristen der Hisbollah mit toten Kindern Propaganda machen“, „Auch den Ort ihrer schauderhaften Inszenierung wählte die Hisbollah geschickt“, „Das Kalkül der Hisbollah ging auf“.

Die „Bild“-Zeitung setzt der „Propaganda“ der Hisbollah etwas entgegen, das sie „Fakten“ nennt, und schreibt:

Fakt ist aber: Ausgerechnet aus Kana feuerte die Hisbollah unmittelbar vor dem jüngsten Angriff 150 Raketen auf Nordisrael — dadurch lenkten die Terroristen den Luftschlag der Israelis bewusst und gezielt auf den symbolträchtigen Ort.

Der zweite Teil dieses „Fakts“ ist eine Vermutung. Und der erste Teil ist falsch. Laut Untersuchungsbericht der israelischen Armee wurden aus Kana und der Umgebung „seit 12. Juli“ über 150 Raketen abgefeuert, also nicht „unmittelbar vor dem jüngsten Angriff“, sondern seit Beginn des Krieges. Dass die israelische Armee in dieser Hinsicht untertreibt, darf man ausschließen.

„Bild“ schreibt weiter:

Fakt ist auch: Obwohl libanesische Behörden anfangs 56 Tote meldeten, fand das Rote Kreuz „nur“ 28 Leichen.

Ähnlich hatte die Zeitung bereits gestern formuliert:

Die Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ korrigierte die Zahl der Opfer, die am Wochenende im Dorf Kana bei einem israelischen Luftangriff getötet wurden, auf 28 Tote. Arabische Quellen hatten von 56 Toten gesprochen.

„Bild“ verschweigt nicht nur die massive Kritik, die „Human Rights Watch“ bei der gleichen Gelegenheit an dem israelischen Vorgehen geübt hat, sondern vor allem auch, dass laut „Human Rights Watch“ die Zahl von 28 Todesopfern eine „vorläufige“ Zahl ist. 13 Menschen würden noch vermisst und liegen womöglich unter den Trümmern, die Bergungsarbeiten könnten aber nicht fortgesetzt werden. Der Unterschied zu den ursprünglichen Schätzungen rühre daher, dass mehr Menschen, die sich im Keller des bombadierten Hauses aufgehalten hatten, lebend entkommen seien als angenommen.

„Bild“ suggeriert (möglicherweise zurecht), dass ursprünglich bewusst eine zu hohe Opferzahl genannt wurde. Und nennt stattdessen eine Zahl, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu niedrig ist, weil sie die Vermissten komplett verschweigt.

Keine Frage: Es ist fast unmöglich für die Medien, in einem Krieg wie diesem die Wahrheit von den Propagandalügen zu unterscheiden. Aber man kann versuchen, seine Leser so gut wie möglich zu informieren: Man kann Quellen angeben und korrekt zitieren. Man kann es vermeiden, sich Behauptungen einer der Parteien zu eigen zu machen. Man kann Spekulationen und Gerüchte als solche kennzeichnen. Und man kann darauf verzichten, den Verdrehungen der Beteiligten noch eigene hinzufügen.

Aber das müsste man erst einmal wollen.

Danke vor allem an Erich B.!