Magermilchmädchen von morgen

Huch:

Was „Bild“ uns heute mit dieser Seite-2-Überschrift sagen will, ist: In Zukunft werden ganze Generationen weniger Geld aus der gesetzlichen Rentenkasse herausbekommen, als sie eingezahlt haben.

Und wie kommt „Bild“ zu dieser Prognose?

Aufhänger des Artikels ist ein „Welt“-Artikel. Darin sagt Hans-Jürgen Papier, der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, es könne verfassungswidrig sein, „wenn das eingezahlte Kapital regelhaft bei weitem das übersteigt, was der einzelne später an Leistungen erhält“. Wohlgemerkt: Papier sagt — anders als der flüchtige „Bild“-Leser glauben könnte — nicht, dass dies so kommen wird. Er spricht von den Konsequenzen, falls es so kommt.

Aber die „Bild“-Zeitung weiß ja schon, was kommt. Sie druckt eine Tabelle, über der es heißt: „Soviel Rente gibt es pro 100 Euro Rentenbeitrag“. Daneben steht: „Hier sehen Sie, ob Sie ein Gewinner oder Verlierer sind“. Männer und Frauen sollen anhand ihres Jahrgangs erfahren können, mit wieviel Auszahlungen sie je 100 Euro Einzahlungen rechnen können.

Und für eine grobe Abschätzung, wie seriös die „Bild“-Tabelle ist, genügt es vielleicht schon, sich vor Augen zu halten, dass sie sich Vorhersagen zutraut für Menschen, die die nächsten 34 Jahre noch nicht einmal geboren sind und voraussichtlich im Jahr 2107 in Rente gehen werden.

Und bevor man dann noch in Panik gerät, weil ja auch die Kinder und Kindeskinder irgendwann im Alter von irgendwas leben müssen, lohnt es sich, auf die Quelle für „die BILD-Tabelle“ zu schauen: Errechnet wurden die Zahlen laut „Bild“ vom „Institut für Wirtschaft und Gesellschaft Bonn“ von Meinhard Miegel, der auch das „Deutsches Institut für Altersvorsorge“ berät, eine Lobbyorganisation von Banken und Versicherungen zur Förderung der privaten Altersvorsorge.

Andere Quellen kommen zu Prognosen, die von denen, die „Bild“ distanzlos übernimmt, massiv abweichen. Die Zeitschrift „Finanztest“ hat in ihrer Mai-Ausgabe ebenfalls nachgerechnet und kam zu dem Ergebnis, dass von einer „Minus-Rente“ keineswegs die Rede sein könne:

Die nominalen Renditen werden drastisch sinken, doch bleiben nach derzeitigem Rentenrecht voraussichtlich immer positiv für alle, die bis 2070 in Rente gehen.

„Finanztest“ weist aber auch darauf hin, dass so weit in die Zukunft reichende Prognosen grundsätzlich „sehr problematisch“ seien. „Bild“ weist nicht einmal darauf hin, dass es sich überhaupt um Prognosen handelt.

Danke an Holger R. für den Hinweis!