Zu viele Klischees

In Dortmund wurde gestern ein Bordell zwangsversteigert — etwas, was man nicht alle Tage erlebt:

Seltene Zwangsversteigerung: Ein Bordell unter dem Hammer

Reporter Dirk Berger besuchte für die „Westfälische Rundschau“ den Gerichtssaal und formulierte stellenweise so salopp, dass ihm dabei mitunter die sprachlichen Bilder entglitten:

Die Geschäfte laufen schlecht, die Wirtschaftskrise geht den Freiern wohl zunehmend auf die Hardware, sozusagen.

Reicht es, wenn der Autor selbst den Zusammenhang zwischen der Wirtschaftskrise und der „Hardware“ von Freiern versteht?

Nicht verstanden zu haben scheint Herr Berger, dass es die Freiheit jeder Person ist, sich tätowieren zu lassen oder die Haare zu färben. Ins Solarium oder zum Krafttraining zu gehen. Oder Uhren zu tragen. Sogar im Gerichtssaal.

Sonst hätte er kein Urteil darüber gefällt, was zu viel ist an Körperschmuck, Haarfarbe, Hautfärbung, Körperstatur und Accessoires einzelner an der Versteigerung beteiligten Personen:

Das Wörtchen "zu" umschreibt das Alleinstellungsmerkmal von Mitgliedern des Milieus: Zu tätowiert, zu blond, zu brauner Teint für 10 Grad minus, zu breite Schultern, zu fette Uhren. Das Klischee ist der Feind genauer Beobachtung, aber es gab zu viel "zu", als dass man dem Klischee nicht erliegen konnte.

Es fragt sich, wie sehr der den Klischees Erlegene „frei von Vorurteilen“ ist, wie es Ziffer 13 des Pressekodex für die „Berichterstattung über Ermittlungsverfahren, Strafverfahren und sonstige förmliche Verfahren“ fordert.

Mit Dank an Julian.