Feuilletons, Google-Wahn, Pressekonzentration

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Das Behagen an der Unkultur“
(perlentaucher.de, Thierry Chervel)
Perlentaucher.de-Mitgründer Thierry Chervel äussert in einem langen Beitrag Kritik an den Feuilletons deutscher Zeitungen: „Die Feuilletons sind zu Schutz- und Ausweichräumen eines immer mehr zum Pfäffischen tendierenden juste milieu geworden, das sich von den eigenen Traditionen der Kritik und des Witzes längst abgeschnitten hat. Klassisch liberale, aufklärerische Positionen lassen sich in praktisch keinem einzigen Feuilleton der Republik mehr artikulieren.“

2. „Thierry Chervel sieht rot“
(blogs.taz.de/reptilienfonds, Heiko Werning)
Ganz anders sieht das taz-Blogger Heiko Werning. Eine „wutschnaubende Suada“ sei Chervels langer Text, ihm sei „vor lauter Um-sich-beißen offenbar einiges durcheinander geraten“. – „Das ist halt das Problem, wenn man, wie Thierry Chervel, ein Leben nur im feuilletonistischen Elfenbeinturm denkt und verbringt und von der dinglichen, Naturgesetzen gehorchenden, echten Welt da draußen noch nie etwas mitbekommen hat.“

3. „Angst vor Google – Gedanken zu einer Debatte“
(blog.kooptech.de, Thomas Wanhoff)
Thomas Wanhoff analysiert den „Zeit“-Artikel „Im Google-Wahn“ und findet es beeindruckend, „dass jemand nach Demokratie ruft, um ein Unternehmen zu bekämpfen“. Er kommt zum Schluss: „Susanne Gaschke gehört zu den Journalisten, die trotz akademischem Hintergrund das Internet nicht verstanden haben.“

4. „Die ‚Kuss-Falle‘ der Agenturchef-Tochter“
(meedia.de, Stefan Winterbauer)
Stefan Winterbauer schreibt über ein unscharfes Paparazzi-Foto in der Zeitschrift „Frau aktuell“, das den Handballer Silvio Heinevetter in inniger Umarmung mit einer Unbekannten zeigt. „Was für ein gigantischer Zufall, dass die Dame auf den Exklusiv-Bildern der Frau aktuell ausgerechnet die Tochter eines Verkäufers von Promi-Geschichten an Yellow-Blätter ist, der früher mit der Chefredakteurin eben jener Zeitschrift zusammengearbeitet hat.“

5. „Ein Meinungsbeitrag zur Pressekonzentration“
(nzz.ch, Hugo Triner)
Verleger Hugo Triner beobachtet eine stark fortgeschrittene Pressekonzentration in der Schweiz: „Die Erfahrung zeigt, dass Machtballungen früher oder später zu politischem und/oder ökonomischem Missbrauch führen. Die Abhängigkeit der Inserenten, Politiker, Leser, Journalisten und Mitarbeiter von den Entscheiden einiger weniger Konzernzentralen ist gross.“

6. „Was twittern einer Lokalzeitung bringt“
(netzfeuilleton.de, SheephunteR)
Christian Lindner, Chefredakteur der „Rhein-Zeitung“ aus Koblenz, spricht über die Twitter-Strategie seines Blatts und erzählt, dass er „mehrere Themenhinweise am Tag“ über Twitter erhalte, keineswegs nur triviale Geschichten: „Auch der ein oder andere Tipp aus großen regionalen Unternehmen und der Hinweis auf ein politisches Skandälchen auf Landesebene soll schon dabei gewesen sein. Whistleblowing via Twitter.“