Bild  

Der Staatsfeind, der kein „Staatsfeind“ war

Es gibt viele Mythen über die „Bild“-Zeitung.

Zu den besonders hartnäckigen gehört der, dass die Leute, die bei „Bild“ arbeiten, vielleicht ein bisschen skrupellos sind, aber wenigstens gut recherchieren können. Und der, dass in „Bild“ zwar viel Quatsch steht, man sich aber auf den Sportteil verlassen kann.

Andererseits ist auch der Irrglaube nicht auszurotten, dass „Bild“ sich aufgrund eines Gerichtsurteiles wegen ihrer vielen Falschmeldungen nicht mehr „Zeitung“ nennen dürfe.

Und dann ist da noch die ungleich brisantere Behauptung, dass „Bild“ den Studentenführer Rudi Dutschke als „Staatsfeind Nr. 1“ bezeichnet habe, womöglich gar am 11. April 1968, dem Tag, an dem Josef Bachmann ein Attentat auf Dutschke verübte.

Es sind scheinbar verlässliche Quellen, die diese Version verbreiten. Die Nachrichtenagentur AFP zum Beispiel, die zum 30. Todestag Dutschkes meldete:

Die Antwort von Politik und Medien auf den Herausforderer war scharf. Die „Bild“-Zeitung nannte ihn „Staatsfeind Nr. 1“. Das war am Tag, als auf ihn geschossen wurde, am 11. April 1968.

Und der evangelische Branchendienst „epd Medien“, der anlässlich des Umzugs der „Bild“-Zeitung nach Berlin am 15. Mai 2007 berichtete:

Die so genannte Generation der 68er ging gegen „Bild“ und Springer auf die Straße, wobei die Abneigung weitgehend auf Gegenseitigkeit beruhte. Am 11. April 1968 etwa bezeichnete „Bild“ den Studentenführer Rudi Dutschke als „Staatsfeind Nr. 1“. Am selben Tag wurde ein Attentat auf Dutschke verübt, Kritiker gaben „Bild“ dafür eine Mitschuld.

Die ARD, „Wikipedia“, Grünen-Bundesvorsitzende Claudia Roth — sie alle erzählen dieselbe Geschichte. Und ein Nutzer des Freiburger Internet-Portals „Fudder“ empört sich in dessen Forum: „BILD lügt immer noch — auch 40 Jahre danach“, weil der Artikel von diesem Tag in dem Archiv fehlt, das die Axel Springer AG gerade im Internet mit angeblich allen Berichten ihrer Zeitungen aus der damaligen Zeit veröffentlicht hat.

Der Artikel fehlt aus einem anderen Grund. Es gibt ihn nicht.

In der „Bild“-Zeitung vom 11. April 1968 (Berlin-Ausgabe, Abbildung links) kommt Rudi Dutschke nicht vor. Wir haben uns selbst davon überzeugt.

Nach Angaben von Rainer Laabs, dem Leiter des Unternehmensarchivs, finden sich auch zu keinem anderen Zeitpunkt Spuren eines solchen Artikels: „Wir haben sehr intensiv, aber ohne Ergebnis, danach gesucht.“

Eine ähnliche Formulierung stand allerdings auf einem Plakat, das bei einer Anti-Studentenbewegungs-Demonstration am 21. Februar 1968 laut „Welt“ von Bauarbeitern hochgehalten wurde. „Volksfeind Nr. 1 — Rudi Dutschke, raus mit dieser Bande“ hieß es dort. Das Springer-Blatt „B.Z.“ sprach in einem Kommentar von einem „Schönheitsfleck“ der von ihr im übrigen unterstützten Kundgebung:

#Denn

Weitere Stellen hat Laabs, der das „Medienarchiv68“ zusammengestellt hat, nicht finden können.

Es spricht alles dafür: „Bild“ und die anderen Springer-Zeitungen haben Rudi Dutschke nie selbst als Staats- oder Volksfeind Nummer 1 bezeichnet.

Andererseits kann auch kein ernsthafter Zweifel daran bestehen, dass sie ihn — auch ohne ihn wörtlich als solchen zu bezeichnen — genau so behandelt haben. Das hat selbst Thomas Schmid, damals Teil der Studentenbewegung und heute als „Welt“-Chefredakteur mit der Relativierung der Verantwortung des Verlages beschäftigt, eingeräumt. 1999 nannte er Springer in der „Welt“ treffend:

das Haus, dem die von [Dutschke] so stark geprägte Revolte so massiv zusetzte und das ihn in vielen Veröffentlichungen zum Volksfeind und Monster entstellte.

Nachtrag, 19. Januar. Der Wikipedia-Eintrag ist, nach ein bisschen Hin und Her, korrigiert worden.