Riesige Schlamperei bei Hartz-IV-Rechnung

Nehmen wir mal für einen Moment an, 36,4 Prozent aller Fehler, die wir hier im BILDblog protokollieren, würden anschließend von den jeweiligen Medien korrigiert. Wenn dieser Sachverhalt anschließend in einem Artikel aufgegriffen und mit der Überschrift „Ein Drittel aller Berichte in deutschsprachigen Medien wird hinterher korrigiert“ versehen würde — dann wäre das so falsch, dass wir schon wieder etwas zum Aufschreiben hätten.

Aber jetzt husch husch runter von dieser Meta-Ebene und hinein ins Gewühl: Das ARD-Magazin „Report Mainz“ berichtet, dass „jeder dritte Widerspruch der Hartz-IV-Empfänger“ erfolgreich war.

Oder, wie dpa den Sachverhalt richtig zusammenfasst:

Die Bundesagentur für Arbeit hat vergangenes Jahr rund 280 000 Hartz-IV-Bescheide nachbessern müssen. Von Januar bis November wurden bei der BA 766 700 Widersprüche bearbeitet. 36,4 Prozent davon wurden ganz oder teilweise stattgegeben, bestätigte die Nürnberger Behörde einen Bericht des ARD-Magazins „Report Mainz“.

Deutlich knackiger liest sich der Sachverhalt in der Überschrift diverser OnlineMedien:

Mindestens jeder dritte Hartz-IV-Bescheid fehlerhaft

Knackiger — aber falsch: Nicht ein Drittel der Bescheide war fehlerhaft. Ein Drittel der Bescheide, gegen die Widerspruch eingelegt wurde, war fehlerhaft. Ein gravierender Unterschied, den eine erschütternd große Zahl von Medien (anscheinend auf der Grundlage einer Meldung der Nachrichtenagentur APN*) nicht verstand:

Riesige Schlamperei bei Hartz IV: Es ist amtlich: Jeder dritte Hartz-IV-Bescheid ist falsch. Das mag kaum verwundern – sogar der Chef der Arbeitsagentur hält seine Mitarbeiter für inkompetent.
(„Focus Online“)

Jeder dritte Hartz-IV-Bescheid wurde korrigiert - Behörde: 270.000 Widerspruchsverfahren erfolgreich. Die Behörden mussten im vergangenen Jahr jeden dritten Hartz-IV-Bescheid korrigieren. Knapp 270.000 Widerspruchsverfahren waren erfolgreich. Das bestätigte die Bundesagentur für Arbeit. Grund sei die Personalsituation.
(heute.de)

Jeder dritte Hartz-IV-Bescheid fehlerhaft

(„Berliner Zeitung“ vom 12. Januar, Printausgabe)

Bei „Spiegel Online“ war man ebenfalls erst auf dem Holzweg, hat sich aber inzwischen korrigiert:

Anmerkung der Redaktion: Ursprünglich hieß es in der Überschrift

*) APN ist das Kürzel des Deutschen Auslands-Depeschendienstes DAPD, der früher zu AP gehörte, jetzt zum ddp, und zwischenzeitlich auch „APD“ abgekürzt wurde (vgl. hier).

Mit Dank an Stephan K. und Tim N.

Nachtrag, 11.20 Uhr: Inzwischen haben heute.de und „Focus online“ ihre Überschriften und Einleitungen korrigiert und auf diesen Umstand hingewiesen.

2. Nachtrag, 18.25 Uhr: Die Nachrichtenagentur DAPD, die ihre Meldungen unter der Agenturkennung APN versendet, weist den Verdacht zurück, dass der Fehler bei ihr gelegen haben könnte. Ihre Meldung trug die korrekte Überschrift „Behörden mussten knapp 280.000 Hartz-IV-Bescheide korrigieren“.

Übrigens… falls Ihnen die ganze Geschichte bekannt vorkommt: Wir hatten denselben Fall schon einmal vor fünf Jahren. Damals war übrigens noch „jeder zweite Hartz-Bescheid falsch“.